Tiroler Symphonieorchester startet gefühlvoll mit Liebesoden nach dem Lockdown

Xl_tlt_202001_tsoi_quer_c_emanuel-kaser © Emanuel Kaser

Überall herrscht Erlösung und Aufbruchsstimmung in den Kulturbetrieben. Auch das Tiroler Symphonieorchester nimmt gleich von der Öffnung an Fahrt auf. Auf den Tag genau passt das Saisonprogramm und ein Konzertabend der Liebesode gewidmet kann von statten gehen. Kerem Hasan, Preisträger des Nestle Young Conductors Award der Salzburger Festspiele ist seit Saisonbeginn Chefdirigent und steht auch an diesem Abend am Pult. Der junge Brite mit zypriotischen Wurzeln und festem Lockenkopf ist ernsthaft, ruhig, zurückhaltend in seiner Gestik, aber um so akurater in der Schlagtechnik. Gleich zu Beginn nimmt er mit Richard Wagners Lohengrin Vorspiel zum 3.Akt ein hochromantisches Werk für großes Orchester in Angriff. Schwungvoll in anspruchsvollem Tempo treibt er die Musiker zum Höhepunkt, die Bläser treffen exakt und sicher die Töne, und die Fanfaren hallen vollmundig in den Konzertsaal. Ehrfurchtsvoll verstummt bleibt der Saal nach dem rassigen Ende und schüchtern braust Beifall auf.

Meloncholisch und mystisch wird es im zweiten Teil mit den sieben frühen Liedern für Singstimme und Orchester von Alban Berg. Eine Ode an seine Frau Helene sind diese stimmungsvollen frühen Schaffenswerke, ursprünglich für Klavier und Mezzosopran geschrieben. Es sind dies die ersten aufgeführten Kompositionen Bergs. Zwanzig Jahre später gestaltet er eine Orchesterversion, die 1928 uraufgeführt wurde. Der Zyklus spricht von der Geschichte der Liebe, verschiedene Lyriker lieferten die Gedichtvorlagen wie Carl Hauptmann oder Rainer Maria Rilke. Spätromantik, Expressionismus und auch Ansätze der Atonalität erklingen in den melancholisch trüben wie ekstatischen vermittelten Bildern. Die Titel sind symbolträchtig Nacht, Schilflieder, Nachtigal oder traumgekrönt. Die Australierin Margaret Plummer ist Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Ihr besten Deutschkenntnisse lassen den Text gut verständlich und plastisch werden.  Ihr Mezzo fliesst geschmeidig, führt die ausgeklügelten Melodien sehr cantabel. Zarte Piani schweben vollmundig und scharfe Ecken rundet sich weich ab. Das Orchester begleitet dezent. Im Wechselspiel der Instrumente gelingen die Einsätze zumeist exakt und verstärken die expressive Tonsprache.

Zurück in der Hochromantik blüht der Orchesterklang mit Johannes Brahms dritter Symphonie F-Dur. Während eines ausgiebigen Sommeraufenthaltes in Wiebaden 1883 komponiert ist diese Symphonie, von seinem Schöpfer Symphoniechen genannt, ein spritziges Feuerwerk von Melodien voller Harmonie. Stimmig reihen sich die vier Sätze aneinander und lassen sich durchaus in das Motto des Konzertes Liebesode einordnen. Der junge Dirigent hält die Freude der Musiker in Bann und startet verhalten ruhig und feierlich. Die Gefühlswelt beginnt im Andante zu glänzen und wird im dritten Satz poco allegretto zum tänzelnden Rausch. Nicht umsonst wurden Teile dieser Symphonien auch als Filmmusik verwendet. Naturstimmungen und Emotionen schimmern durch, der Zuhörer wird nahezu überschwemmt von Romantik und Gefühlen. Bestens eingestimmt spendet das Publikum zufrieden Beifall. Viele hätten nach der knapp über einen Stunde gern noch mehr gehört.

 

Dr. Helmut Pitsch

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