Szenischer Liederzyklus Tagebuch eines Verschollenen in München als pandemiebedingte Kreation

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Die Bayerische Staatsoper sucht in Zeiten des Lockdowns sein Publikum mit Raritäten und sehr individuell geprägtem Programm auf dem hauseigenen Staatsoper TV zu unterhalten und an das Haus zu binden. Kern des Programms sind die Montagsstücke, die laufend zu Wochenbeginn gesendet werden. So geschehen auch diese Woche mit einer szenischen Inszenierung des Liederzyklus „Tagebuch eines Verschollenen“ von Leos Janacek.

Naturstimmungen, Liebe, Einsamkeit und Schmerz prägen die 22 Gedichte des böhmischen Lyrikers Josef Ozef Kalda, welche von Leos Janacek in den Jahren 1917-1919 für Tenor, Mezzosopran, Klavier und der Frauenstimmen vertont wurden.  Der 1921 in Brünn uraufgeführte intime Kammermusikzyklus enthält autobiographische Züge zur Liebe des Komponisten zu seiner Geliebten und Muse.

Die musikalische Erzählung der unsicheren Liebe des Bauernsohn Jan zur Zigeunerin Zefka, die in einer Schwangerschaft und Flucht der Beiden endet prägt eine Sprache zwischen Realität und Fantasie. Die Zerbrechlichkeit der Gefühlswelt ist minimalistisch mit wenigen Stilmittel ausgedrückt. Monologe und Dialoge geben Naturbeschreibungen wieder, expressionistische Ausbrüche bilden innere Kämpfe und Schuldgefühle.

Friederike Blum, im Hamburg und Gießen ausgebildet, übernahm die szenische Einrichtung dieses selten aufgeführten knapp halbstündigen Liederzyklus. Der slowakische Tenor Pavol Breslik und die Mezzosopranistin Daria Proszek werden von Robert Pechanec am Flügel begleitet. Die drei Frauenstimmen aus dem off wurden von Sarah Gilford, Mirjam Mesak und Yajle Zhang übernommen.  Gespielt wird auf der Bühne des Nationaltheaters in München vor dem leeren Zuschauerraum mit geringen Hilfsmitteln.

Der Bauernsohn Jan sitzt zu Beginn im weißen kragenlosen Hemd am Tisch, den ein paar Blumen und eine weiße Tischdecke schmücken. Der Pianist dicht daneben. Verzweiflung, Selbstzweifel und Ratlosigkeit drücken seine Gesten aus. Glitzernde Fäden über der Bühne vorbeischwebend wirken aufmunternd auf seine Stimmung. Ein paar Schritte wirken wie eine Entscheidung des Bauernsohn. Gefühle und Erinnerungen werden aufgeweckt, seine Träume und Sehnsüchte zur Geliebten treiben ihn. Lyrische Phrasierungen wechseln mit Ausbrüchen ab. Blumen und Tischdecke werden weggerissen. Hier steckt der Held in kraftvollen inneren schmerzhaften Kämpfen, die Pavol Breslik überzeugend in der Darstellung und im Gesang gelingen. Der Mezzosopran erscheint aus dem Bühnenhintergrund wie eine Wahnvorstellung seiner Geliebten. Zefra stimmt ein zärtliches Liebeslied an. Dem lauscht Jan mit verbundenen Augen, was die Wirkung auf ihn verstärkt. Sphärenhaft verspielt und betörend bohrt sich die zarte Melodie untermauert durch die drei Frauenstimmen in die Ohren der Zuhörer. Jan gibt sich den Klängen willig hin. Doch die heile Welt ist nicht von Dauer und wieder kippt die Stimmung. Die innere Unruhe und der Schmerz färben den Gesang melancholisch aber führen am Ende in einen Freudentanz, die Geliebte bekommen zu haben. Theatralisch verabschiedet er sich für immer von seiner Familie. Akrobatisch klettert der Sänger über die leeren Sitze zu seiner Angebeteten.

Pavol Breslik zeigt an diesem Abend die Gestaltungskraft seiner Stimme, die auch über dramatische Wucht neben lyrische Schöngesang verfügt. Auch in seiner Darstellungskraft zeigt er einen reifen Charakter mit Ernsthaftigkeit und Schmerz, die er in Stimmfärbung und Modulation in seinem Tenor wiedergibt. Daria Proszek besitzt einen klaren hellen Mezzosopran, der hier viel Höhe bieten und gleichzeitig expressionistisch bizarre Sprünge meistern muss. Geschickt bindet sich der Pianist Robert Pechanec hier ein und verbindet romantische und expressionistisch Stilmittel in den Tasten. Kraftvoll mächtig präsent und genauso romantisch weich und vollmundig ist sein Spiel. Ein gelungener Abend, der dieses kantige Werk dem Publikum näher bringt.   

 

Dr. Helmut Pitsch

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