Starke Bilder und ein technisches Experiment Boris Godunow in Zürich

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Bücher plappern eifrig, sind kaum zu bändigen, Hochregallager werden herumgeschoben - aktionsreich beginnt auf der grau einfärbig ausgeleuchteten Bühne des Züricher Opernhauses die vieldiskutierte und mit Spannung erwartete Neuinszenierung des Boris Godunow. Viel wurde diskutiert insbesondere ob der ausgefallenen technischen Lösung, um dieses mutige gross angelegte Projekt in Zeiten von Corona überhaupt zu realisieren. Modest Mussorgskys Oper ist eine bebilderte Erzählung russischer Geschichte voller grosser Chorszenen sowie einer romantisch durchfluteten Musik für großes Orchester. Wie das mit Distanzregeln und anderen Beschränkungen umsetzen? Die gewählte Lösung ist erprobt von verschiedenen Open Air Veranstaltungen. Chor und Orchester spielen und singen an einem anderen Ort und werden mit perfekter kostspieliger Technik via Glasfaserkabel in das Opernhaus übertragen. Zahlreiche Lautsprecher sind im Haus aufgestellt. Die Lösung funktioniert grundsätzlich und über weite Teile sehr gut, aber kann das Live Erlebnis in der Wucht und Klangfülle und - Farbe nicht ersetzen. Aber wir müssen in diesen Zeiten dankbar sein, dass wir überhaupt Oper erleben dürfen und Kosten und Mühen von den Verantwortlichen nicht gescheut werden, um diese wunderbare Gattung am Erleben zu erhalten.

Regie dieser Neuinszenierung führt Barrie Kosky, der die Geschichte um die Thronbesteigung und den Untergang des Zaren Boris Godunow im 16. Jahrhundert in eine Mischung aus modern und historischem Ambiente - Klaus Bruns Kostüme - versetzt. Dabei bekommt die kleine Rolle des Gottesnarr von Beginn eine Aufwertung als Zeichnung eines stummen Beobachter oder Erzähler, der den gesamten Abend das Geschehen begleitet und erst am Ende seinen kurzen Monolog singt. In Jeans und bunter Strickjacke kreist der junge Amerikaner Spencer Lang, Ensemblemitglied des Opernhauses Zürich in dieser Rolle über die Bühne und präsentiert am Ende seinen lyrischen hellen Tenor. Das Bühnenbild von Rufus Didwiszus versetzt den Betrachter im ersten Bild in eine Art Bibliothek mit hohen vollbepackten Regalen und schwer beladenen Schreibtischen, die immer wieder herumgeschoben werden, um vom Kloster bis zum Kreml zur Inthronisierung Boris Godunows sowie zur Schenke an der litauischen Grenze zu führen. Ein zweites Bild zeigt einen goldausgelegten schmucklosen Raum im Schloss Sandomir in Polen, wo der betrügerische Thronfolger Grigori mit der machthungrigen polnischen Prinzessin seinen Einzug im Kreml plant und von seiner Macht als Zar von Russland träumt. Mächtig hängt die Zarenglocke des Kreml in einem grauen Raum im letzten Bild. Wie eine Presse fällt sie auf Abtrünnige und am Ende auf den wahnsinnig gewordenen Boris Godunow selbst. Am Boden liegen ausgelegt wiederum Bücher, die der Gottesnarr wild aufgebracht der Zarenglocke zum Frass hinwirft, als ob er die Geschichte auslöschen will.

Diese kräftigen Bilder lassen nicht immer einfach und klar die Geschichte verfolgen aber ziehen den Betrachter in den Bann der Schreckensherrschaft. Musikalisch ist der Eindruck von der technischen Lösung geprägt. Der Orchesterklang wirkt nahezu perfekt aus einem Guss, einzelne Stimmführungen sind technisch herausgefiltert und Lautstärken sehr ausgeglichen. Kirill Karabits am Pult der Philharmonia Zürich arbeitet in Ansätzen an einer satten russischen Melancholie und breitet eine kräftigen vollen Orchesterklang aus. Der Chor der Oper Zürich darf leider nicht auf der Bühne stehen und wird ebenso zumeist aus dem Hintergrund eingespielt. So fehlt der wirkungsvolle oft markerschütternde den Zuschauerraum ausfüllenden "Fortissimo" klang der Stimmen.

Auf der Bühne ergreift und dominiert Michael Volle bei seinem Rollendebüt in der Titelrolle. Zumeist wird die Rolle von einem Bass besetzt, aber sein Bariton zeigt eine kraftvolle satte Tiefe ergänzt mit einer kantablen Stimmführung. Facettenreich intoniert er den machtvollen Herrscher der von Wahnvorstellungen gequält wird. Lina Dambrauskaite ist eine sichere eher farblose Tochter Xenia, Cajetan Deßloch, ein Mitglied des Tölzer Knabenchor hingegen erobert die Zuschauer als Fjodor, des Zaren Sohn. John Dazsak gibt einen selbstbewussten ausgetricksten Fürst Wassili Schulski und beeindruckt mit seiner starken vollen Stimme. Brindley Sherratt verleiht dem Mönch Pimen einen sehr weltlichen aufgeklärten Ausdruck und erzählt mit mächtiger Stimme dem jungen Grigori seine Erlebnisse rund um die Ermordung des Zarensohn Dimitri. Edgaras Montvidas verkörpert den jungen Grigori, der in die Rolle des Ermordeten schlüpft und seinen Machtanspruch erhebt. Dies setzt er mit sicherer und auch gut timbrierter Stimme um. Spannend sowie unterhaltsam spinnen Oksana Volkova und Johannes Martin Kränzle als Polenprinzessin Marina Mnischek und verschlagenem Jesuiten Rangoni ihre Pläne, um Macht und Einfluss in Russland zu erreichen - ein weiterer Höhepunkt dieses ausserordentlichen Opernabends.

Mit stehenden Ovationen und grosser Begeisterung werden die zahlreichen Mitwirkenden life und auch via Glasfaser belohnt. Der junge Dirigent schafft es in wenigen Minuten vom zugeschalteten Probenraum auf die Bühne.

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