Staatsoper Wien kantige breit ausmusizierte Arabella

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Arabella ist die letzte gemeinsam von Richard Strauss und Hugo von Hofmansthal geschaffene Oper. Wieder einmal werfen die beiden einen kritischen Blick auf die Wiener Gesellschaft zu Ende des 19. Jahrhunderts. Eine durch Spielsucht verarmte Adelsfamilie sieht ihre einzige Überlebenschance in der geziemen Heirat ihrer älteren Tochter Arabella. Diesem Projekt wird alles geopfert, auch die Identität der jüngeren Schwester Zdenka, die als Bub verkleidet den Bruder Zdenko mimt. Es kommt wie es kommen muss. Der vermeintliche Bub verliebt sich in einen Verehrer der Schwester und sorgt für mächtig Unruhe. Das so nahe Ziel scheint verloren aber es gibt ein glückliches Ende.

Das Ziel hat die Wiener Staatsoper, die diese Wiederaufnahme der 2006 von Sven Bechtold geschaffenen Inszenierung mit neuer interessanter Sängerriege erfolgreich auf den Spielplan gesetzt. Darunter auch ein Rollendebüt von Tomasz Konieczny als Mandryka, der " kräftige, elegante Mann, 35 Jahre alt, etwas undefinierbar Ländliches in der Erscheinung" laut Rollenbeschreibung des Librettisten. Nach verschiedenen erfolgreichen Wagnerrollen hat der polnische Bariton diese Rolle wahrlich verinnerlicht. Kräftig im Körperbau und auch in der Stimme, spielt er den reichen Herren vom Lande, der sich in der geselllschaftlichen Schlangengrube der Kaiserstadt Wien zurecht finden muss. Ergreifend erzählt er von seinem Schicksal und dem Tod der geliebten Frau. Mächtig wirbelt er in der vermeintlichen Intrige und setzt unbeirrt auf Aufklärung. Dabei bringt er seine satte vollmundige Stimme in aller Dramatik ein. Man hört viel Wagner, wohl intoniert und trocken auch zu den langen romantischen Melodien von Richard Strauss. Emily Magee hat bereits mehrmals in der Rolle der Arabella die Zuhörer begeistert. Ihr Deutsch ist verständlicher geworden, ihr Sopran gezähmter und lyrischer, in der Höhe schlanker und sicherer. Mit dem Wienerisch holpert es, mit der aristokratischen Eleganz ebenso, auf dem glatten Parkett des Maskenballs wirkt sie eher als Fremdkörper als dessen Ballkönigin. Chen Reiss passt mit ihrer schlanken Figur in die Hosenrolle, ihr heller jugendlicher Sopran ebenso und setzt sich unaufdringlich neben die reifere Stimme ihrer Schwester. Sie erntet viel Szenenapplaus im dritten Aufzug für die Offenbarung ihres Geheimnisses. Wolfgang Bankl ist seit Jahren auf die Rolle des glücklosen spielfreudigen Graf Waldner programmiert und versprüht wienerischen Flair und Dekadenz. Die grossgewachsene Stephanie Houtzeel überzeugt in der Rolle seiner Frau Adelaide, ist aber unglücklich von Marianne Glittenberg in ihr langes Glitzerkostüm mit Faschingsmelone gesteckt. Nicht viel überzeugender ist das Bühnenbild ihres Mannes Rolf Glittenberg. Im Bauhausflair wohnt die Familie Waldner in einem saalförmigen Hotelzimmer, das auch ohne viel Umbau als Vorraum zum Ballsaal oder Stiegenhaus mutiert.

Ursprünglich ist das Werk im 19. Jahrhundert angesiedelt, Sven-Eric Bechtolf holt es in die wilden vermeintlich orgiastischen Zwanziger des 20. Jahrhunderts. Männerliebe und nackte Oberkörper braucht es nicht wirklich auf dem Wiener Maskenball. Aber in der 51. Aufführung ruft diese gehaltlose Inszenierung wenig Reaktion hervor, dafür bleibt mehr Konzentration bei der musikalischen Umsetzung. Hier reüssiert wiederum Axel Kober, der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein mit sicherem und professionellem Kapellmeisterschlag. Souverän achtet er auf die Sänger, legt wenig Druck auf ihre Stimmen und nutzt umso mehr die Orchesterpassagen für symphonische Entladungen und rhythmische Harmoniespiele. Wiederum bezaubern die Streicher mit ihrem weichen vollen unverwechselbaren Klang, die Hörner dokumentieren ihr Können mit sicherem präzis gesetzten Ton. Viel Beifall für alle.

Dr. Helmut Pitsch

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