Staatsballett München Juwelen im Feinschliff mit Einschlüssen

Xl_img_1473 George Balanchine zählt zu den ganz Grossen des Balletts im letzten Jahrhundert. In Russland geboren und ausgebildet, setzte er sich bei erster Gelegenheit 1924 nach Frankreich ab und trat in die berühmte Ballettgruppe Ballets Russes von Sergej Diaghilev ein. Als Tanzmeister lernte er so das moderne europäische Ballett kennen. Nach dem Tod Diaghilev und der Auflösung der Truppe emigrierte er 1933 in die USA und wurde später Leiter des New York City Balletts. Seine Kreationen eroberten die Bühnen und wurden von vielen Ballettcompagnien rund um den Erdball einstudiert. Jewels wurde 1967 uraufgeführt. Ein Schaufensterbummel entlang der Fifth Avenue und die Auslage des edlen Juweliers van Cleef & Arpels gaben ihm den Anstoss zur Idee eines neuen Tanzabends. Er erhielt Zugang zu den wertvollen Steinen und studierte diese, deren Schliff und Reflektionen. Drei besondere Edelsteine suchte er sich aus und widmete jedem eine Choreographie. Auch die Gestaltung der Bühne durch Peter Harvey und der Kostüme von Karinska nehmen hierzu Bezug. Zu Beginn ist die Bühne in grün getaucht. Halsketten mit Steinen hängen über der Bühne, die Tänzerinnen in grünen Tüll mit grünen Korsett, die Herren in weissen Dress mit grüner Jacke. Emeralds der Titel und das Grün der Smaragde ist zur Musik von Gabriel Faure tonangebend. Hochromantisch verträumt wurde diese Musik zu Maeterlincks Märchen Pelleas und Melisande sowie dem Versdrama Shylock von Haraucourt komponiert. Verträumt und den klassischen Ballettkreationen nachempfunden ist die Choreographie von George Balanchine hier sehr traditionell konventionell. Verschiedene Soli wechseln ab, die sich aber in ihrem Ausdruck sehr ähneln. Getragen ereignislos ist der Tenor der leicht träumerisch fliessenden Musik, Schrittfolgen und Figuren folgen dieser gedehnt. Immer wieder wird raumgreifend die Posoition gesucht und in den Schwung eingegriffen. Sinnlich lyrisch bewegen sich die Körper. Begeisterung erweckt das Bühnenbild des zweiten Stückes, tiefrot ausgeleuchtet mit roten Bändern von der Decke hängend, ist rasch der Titel des zweiten Stückes zu erraten. In Rubies, Rubine kehrt Balanchine zur Moderne zurück. Zur ekstatischen rhythmisch forcierten Musik von Igor Strawinskys Capriccio für Klavier und Orchester gibt es eine gefühlte Schubumkehr. Poppig frisch wie Showgirls in den 20iger Jahren wedeln die Tänzerinnen über die Bühne in koketten roten kurzen Kleidern. Männlich athletisch demonstrieren die Tänzer Sprungkraft und Beweglichkeit. Freche Tanzschrittkreationen und Schwünge in Knie und Oberschenkel wirken jazzig spritzig. In der Perfektion und synchronen Aufstellung schleichen sich ein paar Fehler ein und nehmen Aussagekraft weg. Ähnlich im letzten Stück, wo in grosser Formation getanzt wird. Den Diamant choreografiert Balanchine zur Musik der dritten Symphonie von Tschaikowsky wiederum im klassischen Stil, mit anspruchsvollen Schrittfolgen, Hebefiguren, Relevé und Piqué inclusive. Strahlend in gleissendes Licht getaucht ist die Bühne, die Tänzer sind in mit glitzernden Steinen bedeckten Kostümen gesteckt, die Damen mit Tüll. Es entfaltet sich das Ballett zu einer kraftvollen Demonstration der Vielfalt der Compagnie. Nicht immer reihen sich die Gruppen synchron und symmetrisch, sodass der perfekte Schliff des Diamanten Einschlüsse erhält. Die Wucht des Stückes bleibt. Kritiker haben die Uraufführung dieses Tanzabends gemischt aufgenommen. Einigen fehlte der Anspruch an die Moderne. Einige sehen in diesem Werke autobiographische Züge und eine Hommage Balanchines an seine verschiedenen Wirkungsstätten. In Smaragd spiegelt sich die französische Noblesse und der romantische Glanz, im Rubin die amerikanische Unbekümmertheit und Lässigkeit, im Diamanten die russische künstlerische Perfektion und Opulenz. Das Werk hat sich in den Spielplänen der Ballettgruppen als Meisterwerk etabliert und ermöglicht in der Vielfalt der Tanzstile eine Demonstration von Können und in den Soli jedes einzelnen. So empfunden auch vom Münchner Publikum das innig aber kurz applaudierte. Dr. Helmut Pitsch | Drucken

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