Schubert Oper als Auftragswerk des Gärtnerplatztheaters im Wechselbad der Gefühle

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2016 wurde die Idee für eine  Oper über den Komponisten Franz Schubert vom Intendanten des Münchner Gärtnerplatztheaters Josef Ernst Köpplinger gemeinsam mit der Komponistin Johanna Doderer geboren. Der gefeierte österreichische Dramatiker Peter Turrini wird das Libretto liefern. Nun hat das Werk seine Uraufführung in der Regie von Josef Köpplinger an seinem Gärtnerplatztheater. Ein ambitioniertes Projekt findet so ein gespaltenes Ergebnis.

„Wieso ist einer so traurig, der ein Gott ist?“ steht über der Idee und dem Inhalt des Werkes. Der Maler Leopold Kupelwieser hat in mehreren Gemälden eine Landpartie einer fröhlichen Gesellschaft rund um Franz Schubert gemalt und lieferte die bildliche Vorlage für dieses Bühnenwerk, das zwischen Schauspiel mit Musik oder Musical besser eingeordnet ist als wahre Oper.

Wir erleben den Komponisten in seinen Selbstzweifeln bis hin zu Wahnvorstellungen um seine Person, sein Eigen- und Fremdbild. Es sollte eine Psychoanalyse werden, bleibt aber in einer verwirrenden Handlung stecken.

Der Zuseher am Bildschirm erlebt eine naturalistische Darstellung einer gepflegten jungen dekadenten Wiener Gesellschaft des Biedermeier, die sich auf einem Leiterwagen ohne Pferde samt Klavier aufs Land bewegt. Sie feiern, musizieren und poltern auf dem Wagen. Wien ist auf einer Leinwand im Hintergrund projiziert. Das Ziel ist Atzenbrugg, eine kleine Gemeinde im Westen von Wien. Die kleine Gruppe bekommt laufend Zuwachs. Skurril strömen Behinderte auf die Drehbühne, um Almosen auf französisch bettelnd, vermutlich die geschlagenen Soldaten Napoleons auf dem Rückzug ihrer Feldzüge? Es offenbaren sich die gesellschaftlichen und politischen Konflikte in der Haltung der Gruppe, sowie die persönlichen des Titelhelden rund um seine Verehrung der angebeteten Josepha und Schuberts Ängste seine Liebe einzugestehen und ihr zu gestehen.

Mutig expressionistisch wirkt die Musik, die sich immer wieder in Schwingungen der Atonilität bewegt aber in die Regeln der Harmonie zurückfindet. Klar erkennbar und bewußt sind die Anlehnungen an Kompositionen des Titelhelden, aber auch andere Anspielungen wie an Richard Wagners Waldvogel sind erkennbar. Mit den ausufernden gesprochenen Textstellen und plakativen Gesangseinlagen wirkt das Auftragswerk nicht als dramatische Oper, die metrische rhythmisch geprägte Stimmführung verstärkt den Eindruck einer üblichen mitreissenden Musicalinterpretation.

Der Mikrokosmos um und in Franz Schubert zeichnet dessen Konflikt mit seiner Bekanntheit und den Damen der Gesellschaft in ästhetischen Tongebilden.

Michael Brandstätter führt das Ensemble um Daniel Prohaska als Titelhelden und das Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz routiniert und bestens vorbereitet durch die Partitur. In der pandemiebedingten kammermusikalischen Fassung schlüpfen die Soloinstrumente in eine tragende Rolle und die Musiker zeichnen sich in ihrer Virtuosität und Klanggestaltung aus. Sie begleiten die Protagonisten auf der Bühne lebendig und mit Respekt und der nötigen Unterstützung, denn die Kompositionen ist eine Herausforderung an die Sänger, die riskante Tonsprünge und rhythmische Feinheiten meistern müssen. Johanna Doderer findet ihren individuellen Stil, und verknüpft diesen geschickt unaufdringlich mit Originalzitaten. Die Partitur klingt modern und in den Harmonien spannend, ansprechend und einfühlsam, mitunter aber mit Längen.

Daniel Prohaska überzeugt mit schauspielerischem Geschick und findet auch im Gesang seinen Zugang zur Klangvielfalt der Komponistin. Die Josepha von Mária Celeng bewegt sich locker und sicher in den anspruchsvollen Gesangssprüngen und melodischen Bögen. Die Rolle des Leopold Kupelwieser versteht Mathias Hausmann bestens auszufüllen und besticht durch seine klare und unmittelbare gesangliche Interpretation. Alexandros Tsilogiannis setzt weniger Akzente als Franz von Tassié, ist aber sicher in der gesanglichen Umsetzung. Florine Schnitzel mimt überzeugend Dorothea Tumpel, die naive resolute Tochter des Fleischermeisters, die sich im Kulturleben oder Künstlerkreis integrieren soll. Mit wehender Mähne und rockigen Verhalten prägt Franz Holger Ohlmann den Vater des genialen Franz Schubert, Theodor Schubert.

Die Ensemblemitglieder Anna-Katharina Tonauer als Caroline Helmer, sowie Andreja Zidaric als Louise Lautner fügen sich als erfrischende abenteuerlustige Damen gut in die Gruppe ein.

Am Ende gibt es kräftigen Applaus von dem auserwählten Publikum im Hause, zumeist Mitarbeiter, aber auch ein paar Vertreter der Presse sind geladen.

Die Uraufführung ist noch bis 7. Mai im Stream kostenlos zugänglich.

 

Dr. Helmut Pitsch

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