Salzburger Festspiele Pique Dame ein Spiel der Karten und der Regie

Xl_img_1316 Wo befinden wir uns wirklich für knapp vier Stunden. Hans Neuenfels gibt dem Betrachter seiner Inszenierung viele Rätsel auf und die Lösung bleibt in der Realisierung oder in seinem Konzept stecken. Sind wir in einem Irrenhaus, in einer Phantasiewelt oder erleben wir das Geschehen in der bürgerlichen Welt von St. Petersburg unter Zarin Katharina, die auch skurill wie eine Prozessionsfigur auf die Bühne gebracht wird. Es tut sich gestalterisch vieles. Kinder werden in Käfigen aufgefahren, Gouvernanten oder Anstaltswärterinnen führen diese an der Leine, grossbesetzte Chorszenen in prächtigen aufwendigen Kostümen, kreiert von Reinhard von der Thannen, Videoprojektionen von Nicolas Humbert und Martin Otter, Theater im Theater, oder Laufbänder, die die Bewegungen unterstützen. Es reihen sich Bilder aneinander ohne einen harmonischen Ablauf zu erzeugen. Dies wirkt bewusst, so wie die Personenführung auch keine emotionalen Beziehungen zwischen den Darstellern erlaubt. Mancherorts fühlt man sich im schwarz weiss gehaltenen Bühnengeschehen, den Lichtspielen und den roboterartigen Bewegungen des Chores an Inszenierungen von Robert Wilson erinnert. Viele Ideen sind in diese Inszenierung eingeflossen, den Erfolg des Abends aber bewirkt die musikalische Umsetzung, allen voran durch Mariss Jansons am Pult der Wiener Philharmoniker. Langsam und schwerfällig von Krankheit gezeichnet findet er im Orchestergraben seinen Platz, aber vom ersten Takt an führt er die Philharmoniker impulsiv, gelenkig und mit reduzierten Gesten aber klar und bestimmt. Es entwickelt sich ein schlanker moderner romantischer Klang, schwebend gleiten die russisch elegischen Melodien neben fast expressiv anmutenden Zwieklängen. Die Komposition entstand innerhalb weniger Monate während Peter Tschaikowskis Aufenthalt in Italien 1890, also drei Jahre vor seinem Tod. Das Libretto erarbeitete er mit seinem Bruder und die literarische Vorlage, eine Erzählung Alexander Puschkins wird weitgehend abgeändert. Mariss Jansons zählt dieses Werk zu seinen Lieblingsstücken und nachdem der Zuhörer seine Interpretation dieser selten aufgeführten Oper gehört hat wundert es nicht. Grosse Orchestermusik wechselt sich mit feinfühligen hochromantischen Arien und Duetten ab. Mächtige Chorszenen reichern die Klangvielfalt weiter an. Jedem Mitglied des Orchesters wird präziser Einsatz abverlangt sei es in den einzelnen Instrumenten Soli von Cello und Bläsern, aber auch in den intimst gehaltenen Piano stellen, sowie den ausgefeilten auf Balance getrimmten Begleitungen der Sänger. Besonders anmutig arbeitet der Dirigent am Klang der Violinen, um seinen Klang der russischen Seele in der Musik zu erreichen. Ein zumeist russisch stammendes Ensemble unterstützt dies. Dem Bariton Igor Golovatenko gelingt dies am besten mit seiner Arie des Fürsten Jelezki. Breit und vollmundig, fest in der Mittellage ist seine Stimme verankert und wirkt im Volumen unbegrenzt. Evgenia Muraveva ist seine angebetete Lisa, die sich aber gegen seine Liebe und ein Leben in Wohlstand für den mittellosen Soldaten Hermann entscheidet. Stimmlich einwandfrei meistert ihr Sopran die anspruchsvolle Rolle, bleibt aber farblos in der Gestaltung. Der Amerikaner Brandon Jovanovich mimt den Aussenseiter Hermann, der in seiner roten Uniform und blonden Haarschopf wie eine Märchenfigur in seinem Umfeld wirkt. Zu Beginn etwas reduziert steigert er sich zunehmend und überzeugt in seiner wachsenden Gier nach dem Geheimnis der drei Karten, welches ihn zuletzt in den Wahnsinn treibt. Kraft , Ausdauer und Gewicht besitzt sein Tenor. Auch in der Höhe kann er punkten, neutral ist die Färbung seiner Stimme. Das begehrte Geheimnis besitzt die sagenumgebende Gräfin, meisterhaft interpretiert von Hanna Schwarz in der nötigen Mischung aus Giftigkeit und Selbstmitleid. Vladislav Sulimsky als Graf Tomski verfolgt verschroben süffisant Hermann auf seinem Weg zum Wahnsinn. Im langen Zottelmantel begleiten ebenso gehaltvoll und gespenstisch Alexander Kravets und Stanislav Trofimov als die Offiziere Tschekalinski und Surin. Eine volle Bühne beim lautstarken Schlussapplaus und ein langdauernder Aufmarsch der Beteiligten zeigt die Dimension dieser monumentalen Produktion. Helmut Pitsch | Drucken

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