Salome als Missbrauchspsychogramm in Bilbao

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Es wird gezecht, exzessiv gespielt und getanzt, Sex und Brutalität fehlen nicht am Hof von Herodes in dieser Inszenierung von Francisco Negrin an der Oper von Bilbao. Francisco Negrin ist in Spanien geboren, aber in Frankreich aufgewachsen, nachdem sein Vater ein republikanischer Politiker fliehen musste. Lässig lassziv irren die Gestalten im Palast herum. Salome die schöne Stieftochter steigt sichtlich gelangweilt aus dem Geschehen aus. Die Bühne dreht sich und die Musik setzt ein. Es bleibt munter an diesem Abend. Johannaan sitzt in einer mit Spiegeln ausgekleideten Kugel, die sich durch Drehung öffnet. Der Schleiertanz und der von Salome begehrte Kuss des toten Johannaan sind immer wieder Ursache von Skandalen in der Aufführungsgeschichte dieser Oper. Hier geht auch wieder Franscisco Negrin einen sehr eigenen und neuen Weg, der aber sehr wohl in der Interpretation und Gestaltung zu dem Werk von Richard Strauss passt. Salome geizt mit voyeuristischen Reizen, vielmehr übernimmt Herodes die Führung im Tanz und zeigt Videos seines inzestösen Begehrens über Jahre an dem kleinen Mädchen Salome. Diese erkennt ihr Schicksal und bricht seelisch zusammen, um wiederum ein leichtes Opfer der sexistischen Begierde ihres Stiefvaters zu werden. Gefühlt verbinden sich anschliessend in ihrem denkwürdigem Wunsch Ihr Begehren nach Liebe aber auch Rache an Herodes, der bisher einer Verurteilung oder Auslieferung Johannaan ja aus dem Weg gegangen ist. Jennifer Holloway ist für Emily Magee in der Titelrolle eingesprungen. Wie schon In Dresden überzeugt sie auch hier mit ihrem frischen lyrischen und klar intonierten Gesang ohne Schärfen oder exzessive Lautmalerei. Spielerisch ist die gut aussehende Amerikanerin ebenso überzeugend. Egils Silins ist ein mächtiger wohl in Deutsch artikulierender Jochannaan, der mit seiner Kraft und Stimme präsent ist. ImmSpiel bleibt er in seiner Spiegelkammer hölzern. Daniel Brenna zeigt sich da im Spiel lockerer und ausdrucksstärker mit seiner Rolle des lüsternen machtbewussten Königs. Und auch stimmlich versteht der Amerikaner seine Rolle auszufüllen. Getragen setzt er seinen Bariton sicher ein, färbt und zeichnet diesen konturenreich und dreht auch auf, wenn es von Nöten ist ohne gepresst zu wirken. Ildiko Komlosi zeigt eine süffisante Herodias ohne dramatische Schärfe. Am Pult hält Erik Nielsen den Druck und die Kraft im Orchester in Zaum und lässt selten das Orchester exzessiv aufbrausen. Die Sänger begünstigt dies, aber der Kraft und Impulsivität der Musik Richard Strauss nimmt dies die Würze. Das baskische Publikum zeigt sich von dem Werk und der Musik des dort selten gespielten Komponisten beeindruckt und begeistert. Dr. Helmut Pitsch

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