Rusalka zur Eröffnung der Tiroler Festspiele - Viel Frankfurt mit einem Schuss Böhmen am Inn

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Mit Antonin Dvoraks lyrischem Märchen über die Nixe Rusalka, die sich in einen Prinzen verliebt und in einem verhängnisvollen Pakt mit der Hexe Jezibaba versucht als Mensch ihr Glück zu finden und dabei kläglich scheitert startet für die Tiroler Festspiele eine neue Ära und neuer Leitung. Bernd Loebe führt seit Jahren erfolgreich die Oper Frankfurt und erreicht mit dem Haus immer wieder mediale Ehrungen. So ist nicht verwunderlich, dass sich im Programm der Winterfestspiele viele Namen finden, die mit dem Frankfurter Opernhaus in Verbindung stehen und dort als Künstler zum Ensemble oder häufigen Gästen zählen.

Mit der Wahl von Rusalka als Eröffnungspremiere, der Vertonung eines romantisches Märchens aus verschiedenen Quellen und 1901 in Prag uraufgeführt, bringt Herr Loebe die Neuinszenierung einer romantische Nationaloper auf den Programmzettel, der bisher hauptsächlich die Werke Richard Wagners und des Belcanto umfasste. Als Regisseurin engagierte er Florentine Klepper, die bereits an vielen Opernhäusern, als auch bei den Salzburger Festspielen ihre anspruchsvollen, ideenreichen aber auch kontroversen Interpretationen präsentiert hat.  Gemeinsam mit der Südtiroler Bühnenbildnerin Martina Segna erarbeitet sie eine farbenreiche schwungvolle Erzählung mit einem düsteren ruinösen Ende. Die Handlung verlegen die beiden dabei mit stimmungsvollen Videoeffekten von Pascale Hombach in und an die Ufer des Inn, der in unmittelbarer Nähe zum Festspielhaus vorbeifließt. Der zahme Kaiser bietet dabei eine romantische Bergkulisse. Die Nixen vergnügen sich zu Beginn in wogenden bunten Röcken– Kostüme von Anna Sofie Tuma – im Wasser, schaukeln auf Angelhacken oder Bootsankern und die Luftblasen steigen tanzend auf. Rusalka studiert versunken eine bunte Illustrierte und beteiligt sich nicht am Spiel ihrer Schwestern. Selbstbewusst tritt sie dem Wassermann, der im schlammgrünen Outfit eher einem Jäger gleich mit ihrem Wunsch ein Mensch zu werden, gegenüber. Väterlich verständnisvoll verweist er sie an die Hexe Jezibaba um Hilfe weiter. Die gleitet auch gleich am Angelhacken, ständig – auch unter Wasser – mit einer Zigarette in den Fingern in die Fluten des Inns. Modern im schwarzen Hosenanzug mit bunten Hosenträgern schmiedet sie mit der flehenden Nixe einen tödlichen Kontrakt. Rusalka steigt in den Fluten nach ober und trifft am Ufer ihren geliebten Prinzen. Vergnügungssüchtig, oberflächlich und kindlich treiben die Menschen ihr Unwesen auf einem makellos getrimmten Golfplatz. Schnell fühlt sich Rusalka hier einsam und verlassen. Enttäuscht und verzweifelt haust sie im letzten Akt nahezu apokalyptisch im Müll und schlüpft in eine Fischhaut und sehnt sich nach ihrer Erlösung. Geschickt setzt die Regisseurin so soziale und gesellschaftspolitische Anknüpfungspunkte in dem Werk und verknüpft sie mit zeitgemäßen Problemen. Viel Gestaltungskraft vermitteln bereits die Bilder, aber auch in der Personenregie bleibt es gestenreich und zumeist lebendig mit einem Hang zur Überzeichnung. Aber so bleibt am Abend der Spannungsfaden ungerissen und nicht ohne Wirkung.

Der junge Engländer Alexander Prior hat ebenso an vielen Opernhäusern bereits dirigiert und hier nun die musikalische Leitung dieser Neuinszenierung übernommen.  Am Pult des Tiroler Festspielorchesters hat er sich für eine kühle, kraftvolle, in den Tempi eher verhaltene Interpretation dieser doch sehr stimmungsvollen von Gefühlen schwelgenden Oper entschieden. Durch die markante und transparente Lautmalerei der Motive findet er aber zu dem tragischen Grundtenor des Werkes einen besonderen Zugang. Schwülstige Romantik verwandelt er zu nüchternen spannungsgeladenen Steigerungen. Vom Anfang an ist das tragische Schicksal hörbar und spürbar. Nur mäßig lässt er sich auf tänzerische Folklore ein. Gepaart mit der aussagekräftigen Regie geht diese Handlungsdarstellung auf und wird vom Publikum begeistert gefeiert.

So wie auch die Sänger, die allesamt auf sehr hohem Niveau ihre Auftritte meistern. Die Amerikanerin Karen Vuong wurde bereits in Frankfurt als Ensemblemitglied in einer Inszenierung von Rusalka in der Titelrolle gefeiert. Mit ihrer einprägsamen dunkel flirrenden Stimmfärbung mit sicheren Höhen und mächtiger Tiefe verleiht sie dieser Nixe viel weibliche Sinnlichkeit. Nicht die unschuldige Jugendlichkeit und Naivität sondern die kompromisslose Hingebung und edle Zurückhaltung gegenüber der Nebenbuhlerin wird hier verkörpert. Den naiven Schönling, den die späte Reue männlich macht stellt Gerard Schneider dar. Sein Prinz schwingt lyrisch und locker in den Melodien und wandelt sich zum Charakter im letzten Akt. Thomas Faulkner hat ein kräftiges Organ. Sein Bass füllt das Festspielhaus mystisch und dramatisch, mitunter schmettert er hölzern seine Rufe nach der verlorenen Rusalka. Judita Nagyova ist keine knurrige, gespentische Hexe sondern eine  flotte Dame von (Halb)Welt. Hüftenschwingend beziert sie Rusalka und weiß diese Interpretation auch in ihrer Stimme einzufärben. Ihre Mezzo überzeugt hier nicht in der Größe sondern Flexibilität und klaren Stimmführung. Steven LaBrie mimt sicher und sehr präsent den Jäger. Corinna Scheuerle als Küchenjunge lässt sich vor dem letzten Akt als indisponiert ansagen, zeigt aber eine klare und sauber Darstellung. Viel Beifall und Zuspruch am Ende vom Publikum.

 

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