Rusalka in München Regietheater mit Patina

Xl_rusalka_2021__c__w_hoesl__3_ © Winfried Hösl

MÜNCHEN/Opernfestspiele: RUSALKA WA am 20. Juli 2021

Regietheater mit Patina

Wenn man bedenkt, dass die Münchner „Rusalka“ von Antonin Dvorák in der Inszenierung des damals in gewisser Weise noch als enfant terrible geltenden Martin Kušej bereits aus dem Jahre 2010 stammt und nun im Rahmen der Opernfestspiele wieder aufgenommen wurde, kann man sich leicht vorstellen, dass diese im Regietheater-Stil konzipierte Arbeit damals auf einiges Unverständnis stieß, ja sogar etwas skandalumwittert war. Heute wirkt sie eher wie eine laues Regietheater-Lüftchen, denn so ganz konnte Kušej sich mit seinem Dramaturgen Olaf A. Schmitt damals wohl noch nicht von der Ästhetik des „lyrischen Märchens“ nach dem Textbuch vom Jaroslav Kvapil trennen. Dabei ist das Bühnenbild von Martin Zehetgruber mit den Kostümen von Heidi Hackl mit einer Zweiteilung zwischen einer anschaulichen „Oberwelt“ an einem See mit postkartenromantischem Blick auf die Berge und einer dunklen „Unterwelt“, jener des Wassermannes, in der die Nixen direkte Wasserberührung haben, an sich eine recht gute Idee. Nur was derVodnik da unten treibt, entspricht so ganz und gar nicht der Idee, die der Schreiber des Textbuches mit dessen eher väterlichen Rolle beabsichtigte. Er vernascht die 1. Waldnymphe und versucht es gleich noch bei anderen, die schon ganz verwirrt durch die Gegend laufen, und schließlich natürlich auch bei Rusalka. Damit findet in der an sich noch heilen Welt der Wald- und Wasserwesen bereits genau das statt, vor dem der Wassermann Rusalka in Bezug auf die „Oberwelt“  der Menschen warnt.

Dort unterhält er freilich mit Jezibaba einen Außenposten. Bei seinem Besuch bei ihr kreuzt er wie ein Sandler mit ALDI-Tüte auf und trinkt gleich ein paar Dosen Bier, während die Hexe dem Rotwein zuspricht. Rusalka beschäftigt sich statt mit dem Mond unter Deck in ihrem wunderbaren Lied an den Erdtrabanten mit einem weißen Standglobus, der dann krachend zu Bruch geht - auch hier Dystonie zwischen Gesang und Handlung. Damit war auch zu erwarten, dass ein double im Hause des Prinzen im Hintergrund gleich ein Quicky ausführt, das Rusalka mitbekommt, die schließlich einen Satz ins stets vorhandene Aquarium vollzieht. Der schaurige Tanz des Chores mit abgehäuteten Rehen, die gegen Ende des Lieds auch noch hyänenartig verschlungen werden, zeigt in eindeutigen, vielleicht etwas zu plakativen Bildern den am Hofe des Prinzen herrschenden Hedonismus. Das alles mag vor elf Jahren dramaturgisch noch revolutionär gewirkt haben. Aus heutiger Sicht erscheint manches davon banal bis vordergründig und damit nicht mehr so griffig wie wohl damals beabsichtigt. Zudem bewirkt diese Dramaturgie eine Verflachung der eigentlichen Werkaussage des märchenhaften Stücks.

Günther Groissböck singt einen exzellenten Wassermann mit seinem ausdrucksstarken, kernigen und stets wortdeutlichen Bass sowie großer Authentizität, was die Umsetzung der ungewöhnlichen Regieanweisungen von Martin Kušej angeht. Kristine Opolais ist eine Rusalka, die speziell in diese Inszenierung passt. Nicht die naive Wassernixe, die sich zärtlich und phantasieverloren nach der Menschwerdung sehnt, sondern die durchaus einen, weil mit ungewohntem Engagement verfolgten, ernstzunehmenden Versuch unternimmt, ihr Dasein zu ändern. Zu diesem Rollenbild passt ihre fast dramatische vokale Interpretation der Rusalka, wobei es ihr Sopran aber bisweilen an Flexibilität missen lässt. Die Hexe ist bei Helena Zubanovich mit einem kraftvollen Alt in besten Händen. Alisa Kolosova gibt die aufdringliche fremde Fürstin mit einem klangvollen Mezzo, ein starker optischer und stimmlicher Kontrast zu Rusalka. Dmytro Popov ist der attraktive Prinz mit einem jugendlich dramatischen Tenor, der vom Timbre her die slawischen Herkunft klar hören lässt. Boris Prygl, stimmlich eher unauffällig, bildet mit dem Küchenjungen, der stimmlich in der kleinen Rolle überzeugenden Yajie Zhang, ein unterhaltsames Doppel. Der Chor wurde von Stellario Fagone wie immer gut einstudiert.

Robert Jindra dirigierte das Bayerische Staatsorchster, und man konnte auf nahezu jeder Note hören, dass er aus Böhmen kommt. Das Orchester brachte unter Jindras Leitung den ganzen Facettenreichtum der tief in der tschechischen Volkskunst verwurzelten Musik Dvoráks zu schönstem Erklingen. Man meinte manchmal das Wehen des Windes über den Wäldern zu vernehmen. Aber auch die rhythmischen Passagen gelangen unter seinen Händen auf bisweilen aufwühlende Weise. Eine musikalisch weit mehr als szenisch überzeugende „Rusalka“ an der Bayerischen Staatsoper.

Klaus Billand

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