Rienzi - Verfemter Wagner wiederbelebt zum Festspieljubiläum in Bayreuth

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Richard Wagner Rienzi Bayreuther Festspiele 8.8.2026 

Verfemter Wagner wiederbelebt zum Festspieljubiläum in Bayreuth 

Seit der Erstaufführung von Der fliegende Holländer 1901 ist nun Rienzi die nächste Erstaufführung einer Oper im Bayreuther Festspielhaus. Dies geschieht zum Anlass des 150 Jahr Jubiläum der Festspiele.

Aus Quellen ist nicht belegt, dass Richard Wagner seine dritte Oper nicht für das Festspielhaus zugelassen hat, (auch wenn er sich selbst abfällig geäußert hat) - bisher wurde sie aber nicht im Codex der auzuführenden Werke geführt. Ebenso gibt es auch keinen Quellennachweis, dass diese die Lieblingsoper Adolf Hitlers war.

Dies wie auch die Nähe Hitlers zur Familie Wagner und Wagners Antisemitismus sind Gegenstand musik- und geschichtlicher Aufarbeitung im Jubiläumsjahr. Da passt es gut, dass diese „politische“ Oper Richard Wagners hier erstmals zur Aufführung kommt und auch vom negativ behafteten Makel befreit wird. Zumal die Uraufführung Rienzis 1842 in Dresden mit Wagners größter Publikumserfolg war und ihn zum gefeierten bekannten Komponisten machte.

Nach der Märchenoper "Die Feen" und der Opera Comique "Das Liebesverbot" ist Rienzi unangefochten eine der bedeutendsten Grande Operas. Diese Musikform war zu Beginn des 19. Jahrhunderts die gängigste Opernform und wurde von Paris und Frankreich geprägt. Der deutschstämmige Komponist Giacomo Meyerbeer gilt als dessen bedeutsamster Vertreter. Er war auch ein großer Unterstützer Wagners, der ihn aber später in seinen antisemitischen Schriften schwer angriff.

Typische Merkmale der Grande Opera sind historische Stoffe als politische Parabel, Chorszenen für Schaueffekte, ein Ballett und Liebesszenen in Gefahr. Von all dem gibt es in Rienzi reichlich und manche Kritiker bezeichnen sie deshalb als beste Oper Meyerbeers. Rienzi ist eine geschichtlich belegte Persönlichkeit, 1413 in Roms Oberschicht geboren. Vom Volk wurde er als päpstlicher Notar während dessen Exil in Avignon zum Volkstribun gewählt, um die Feindschaften der Adelsgeschlechter Orsini und Coronna zu schlichten, denen er später zum Opfer gefallen ist und ermordet wurde.

Für die szenische Realisierung dieses musikalisch politischen Diskurses des Werkes wurde das ungarische Regieduo Alexandra Szemeredy und Magdolna Parditka  ausgewählt. Für das Bühnenbild greifen sie auf das Muster der tumbling blocks, der fallenden Würfel. Ein visueller Effekt, der durch Lichtabstufung hell dunkel auch Dreidimensionalität vermittelt. Zu den Klängen der Ouvertüre werden dem Publikum die drei Protagonisten in drei Würfeln vorgestellt. Rienzi sitzt am Schreibtisch, seine Schwester Irene in der Mitte in der Küche und der kleine Bruder spielt in seinem Zimmer. Die Regisseurinnen vermitteln ein inzestöses Verhalten der Geschwister, der Bruder mutiert zum gemeinsamen Kind, das auch schon zum Beginn an Tuberkulose stirbt.

Die Schuldgefühle Rienzis verwandeln sie zur Kompensation für dessen politische Ambitionen. Die sind geprägt vom Wunsch Gutes zu tun, dem Volk Freiheit und Demokratie zu bringen. Mit viel Turbulenz wird um Wählerstimmen gefeilscht, vor großer Videoleinwand die Wahl optisch verfolgt. Rienzi erhält die Mehrheit gegenüber den buhlenden Adelsgeschlechtern. Zur Siegesfeier verfällt Rienzi in seine Traumwelt, die dritte Ebene dieses Regiekonzeptes. Zu reduzierten verlangsamten Bewegung des Volkes und gedimmten Licht erscheint seine Vision der Jakobsleiter zum Himmel auf der der tote Sohn liegt. Mit den Wunden Jesu schreitet er die Treppe herab. Ist der Wahlsieg die Erfüllung der Sühne oder eine Vorankündigung des Schicksals.

Erfrischend kurzweilig und sehr humorvoll mit Stil ist der Part des obligaten Balletts gelöst. Von oben wird ein Nachbau des Festspielvorhangs heruntergelassen, Wagner im Goldkostüm, der Skulptur des Künstlers Ottmar Hörl nachempfunden, schlägt ein paar Räder und dirigiert eine Künstlergruppe, die in den historischen Kostümen im Schnelldurchgang alle Opern Wagners vorbeiziehen lassen.

Der Sieg währt kurz, die Revolution der Adelsgeschlechter wird von Rienzi niedergeschlagen, seine Feinde aber begnadigt er. Nach der Pause rächt sich die Milde und es kommt erneut zu Aufständen, diesmal liquidiert Rienzi die Anführer, darumter den Vater von Adriano, dem Geliebten seiner Schwester Irene. Der tritt immer wieder mit empathischen Arien, zerrissen zwischen Loyalität zu Rienzi und seiner Familie in Erscheinung. Die Zeichnung der Charakterrolle ist hier fließend zwischen den Geschlechtern. Dies schadet der Ausdruckskraft dieser Rolle, die mit viel Impetus und Verve von Jennifer Holloway umgesetzt wird. Stimmlich souverän, in der Wortdeutlichkeit ist Verbesserungspotential. Im Finale stirbt seine Geliebte Irene in seinen Armen, nachdem diese  zuvor Rienzi erstochen und sich die Pulsadern aufgeschnitten hat. So sind die Geschwister im Tode vereint.

Womit wir bei der musikalischen Umsetzung sind. Die handschriftliche Originalpartitur des Rienzi wurde 1939 Adolf Hitler zum 50 Geburtstag geschenkt und gilt als verschollen. So wurde aus verschiedenen Aufzeichnungen und Dokumenten eine um über 1500 Takte verkürzte Version erarbeitet, die die Originaldauer von fünf Stunden auf knapp unter vier verkürzt. Am Pult steht Nathalie Stutzman die versiert, zurückhaltend aber ohne zu große Regungen und romantische Ausschweifung das Festspielorchester und insbesondere den großartig gerüsteten Chor durch die zahlreichen Massenszenen führt. Die Französin kommt gut mit den Gegebenheiten des Hauses zurecht, feine Piani dringen gut durch, breite Orchesterparts überdecken die Stimmen nicht sondern liefern einen wohlig warmen Unterbau für die Sänger, insbesondere die Solisten.

Die Titelrolle gehört zu den fordernden Tenorpartien, sie ist hoch angelegt und pendelt zwischen Lyrik und gebieterischer Autorität. Andreas Schager hat in den letzten Jahren seine Karriere als Heldentenor zementiert. Seine kräftige, immer alles gebende Stimme hat sich als leistungsstark erwiesen. So drückt er auch hier in der Rolle auf Kraft und Volumen und zeigt sich als mächtiger Herrscher und lautstarker Populist. Im eher lyrischen Gebet kommt er gut zurecht, manch höhere Töne werden angeschliffen. Insgesamt gelingt ihm eine eindrucksvolle Umsetzung.

Gabriela Scherer ist als seine Schwester Irene stets aufmerksam an seiner Seite. Ihr Sopran gefällt mit dunkler Farbe und üppigem Klang in allen Lagen. Besonders im Finale kann sie ihre Rolle im Schatten des Bruders aufwerten. Vitaly Kowaljow ist ein sehr würdiger Kardinal Raimondo, der mit satten Bass seine eigene Agenda als Vertreter des abwesenden Papstes im turbulenten Rom umsetzt.

Andreas Nauer Kanabas und Michael Nagy sind zwei dunkle verfeindete Anführer der Kriegsparteien. Ihre Rollen sind auf Kampfansagen und Aufrufe beschränkt, die sie stimmgewaltig einbringen. Auch alle weiteren Rollen sind gut besetzt und insgesamt ist dieser Abend eine sehr gelungene Wiedergeburt einer zu Unrecht ins Abseits geschobenen Rarität. Das Werk  hat sicherlich seine  Defizite, enthält aber bereits die Anklänge des reifen Wagner und insbesondere seine kompositorische Vielfalt. Es wird interessant zu sehen sein, ob dieses Werk nun zurück zu den Spielplänen findet.

Großer Jubel und Zuspruch im ausverkauften Festspielhaus.

Dr. Helmut Pitsch

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