Rheingold eröffnet den Ringzyklus in München ein Abend der Präzision

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Die diesjährigen Münchner Opernfestspiele sind in der zweiten Hälfte geprägt von einer Wiederaufnahme des Ring des Nibelungen, in der 2012 gestalteten Neuinszenierung von Andreas Kriegenburg. Szenisch ist das Regiekonzept des erfolgreichen deutschen Theaterregisseurs vom Gedanken des lebenden Theaters geprägt. Gegenstände werden von lebendigen Körpern geformt, der fliessende Rhein wird von rhythmisch schwingenden Statisten zu einer erkennbaren Wasserflut, Tisch, Stehpult oder Fauteuils in Wotans Büro auf Walhalla werden ohne grossen Aufwand von einzelnen Personen durch ihre Körperhaltung versinnbildlicht. Somit befinden sich immer zahlreiche Statisten auf der Bühne, aber es gelingt die Handlung dabei konzentriert ablaufen zu lassen. Die Lichtregie von Stefan Bolliger ist umfangreich und wartet mit weiteren Effekten auf. So ist die Bühne meist hell und freundlich gestaltet. Dies unterscheidet sich wohltuend von den häufig düsteren, meist in dunklen Tönen gehaltenen Bühnenräumen.

Ringzyklen sind weltweit magnetische Anziehungspunkte für das Wagner begeisterte Publikum. Mit dem Münchner Generalmusikdirektor Kirill Petrenko am Pult einmal mehr. Er hat in den letzten Jahren einen Weltruf als der Wagnerdirigent erreicht. Wagnerianer diskutieren über seine Interpretation, stellen diese anderen Dirgenten, insbesondere der von Christian Thielemann gegenüber. Dazu wartet die Besetzungsliste mit einer handverlesenen Auswahl an Spitzensängern auf. Kein Wunder dass dieser Ring sofort ausverkauft war und schon im Vorfeld von hoher Erwartungshaltung geprägt war. Richard Wagner wollte mit den drei Abenden und dem Vorspiel des Ring des Nibelungen keine Repertoirestücke, sondern ein geschlossenes Ganzes schaffen. Erst wenn das Publikum am Ende der vier Abende diese Geschlossenheit erkennt, sei sein Ziel erreicht. So teilte sich der Schöpfer 1851 seinen Freunden mit. Ein Auftrag an die Kunstschaffenden, die sich diesem grossen Epos widmen. München ist geschichtlich eng mit der Biographie und dem Schaffen des Komponisten verbunden und neben Bayreuth die wichtigste Heimstätte für seine Opern.

Ein lauer Sommerabend mit gemässigten Temperaturen erwartet das eintreffende Festspielpublikum am grossen leeren Platz vor dem Nationaltheater. An der Vielzahl der Fremdsprachen lässt sich die internationale Fangemeinde erkennen. Drinnen sitzen bereits die Statisten auf der Bühne und beobachten teilnahmslos das in den Saal strömende Publikum. Kyrill Petrenko wird mit viel Beifall begrüsst und ohne viel Aufhebens formt sich aus den nunmehr am Boden liegenden Statisten eine gemächlich fliessende Masse mit aufstrebenden Wellen aus denen die Rheintöchter in hellgrünen fliessenden Gewändern mit weissen langen Haaren wie in einem Comic auftauchen. Hanna Elisabeth Müller, Rachael Wilson und Jennifer Johnson spielen in den Fluten und feuern sich mit ihren hellen jugendhaften Stimmen im Spiel an bis John Lundgren als lustvoller Schwerenöter Alberich erscheint. Mit kräftiger sonorer Stimme kann er Angst einflössen und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Verschlagen windet er seine Stimme in allen Lagen ohne gebieterische Männlichkeit zu verlieren. Dies spürt auch Wolfgang Koch als Wotan, der in seiner Rollendarstellung die bröckelnde Macht des Gottvaters zelebriert. Immer wieder braust er mächtig auf, klammert sich an seine Macht, verfällt aber in reumütige Stimmungen, piano und weich in der Stimme. So kann Norbert Ernst überzeugend mit giftiger verkniffener Darstellung und Gesangsausdruck nachvollziehbar das Ruder in Walhall an sich ziehen. Ekaterina Gubanova ist eine präsente herrschsüchtige Fricka, aber auch eine diplomatische, die den Konflikt mit ihrem Mann und seinen Führern noch meidet. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke ist immer eine sichere überzeugende Besetzung des hinterhältigen Mime, der mit seiner eigenen Agenda versucht, das Schicksal zu beeinflussen. Sehr gelungen im Regiekonzept ist der Auftritt der Riesen. Auf grossen Würfeln aus Menschen thronend, in langen Mänteln mit Riesenhänden und Beinen wirken sie imposant und Ain Anger und Alexander Tsymbalyuk verleihen ihnen mit ihren mächtigen Bässen die nötige Ausdruckskraft. Noch einmal gruselig wird es beim Besuch von Erda in der Götterwelt. Im schlammfarbigen Kostüm taucht Okka von der Damerau aus dem Lehmboden, umgeben von allmöglichem kriechendem Getier auf und mahnt Wotan mit magisch gefärbter tiefer und klarer Stimme und verrät ihm sein Schicksal. Ein starker Auftritt der jungen Sängern in Bild und Gesang. Zu alldem Geschehen findet im Orchestergraben das Orchester dank einer wohldurchdachten und in jeder Einzelheit ausgefeilten Interpretation die richtigen Töne. Mit vielen kleinen Gesten dirigiert Kirill Petrenko die Musiker, immer wieder hebt er den Zeigefinger zu den Sängern, um keinen Einsatz zu verpassen. Er hört auf deren Ausdruck, fährt geschwind das Orchester zurück und reizt im Piano die Könnerschaft der Instrumente, die hörbar eine geschlossene Einheit bilden. Es ist diese Intimität, diese Transparenz und doch erreichte Klangbreite, die seine Interpretation auszeichnet. Nur selten wird der Zuhörer überschüttet, zumeist schwebt er auf einem zarten Klangteppich, der ihn anhält, dessen Farben und Muster zu studieren.

Viel Beifall für einen perfekten Opernabend, der mit Freude auf die Fortsetzung warten lässt. 

Helmut Pitsch

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