Reimanns Lear eröffnet eindringlich den Maggio Musicale Florenz

Xl_img_1499 Florenz und die Toskana stehen im Mai ganz im Zeichen des glanzvollen Festival Maggio Musicale. Zum 82. Mal findet es mit vielen internationalen Stars statt. Neben Opern und Konzerten werden Konferenzen und Vorträge an verschiedenen Orten zumeist kunsthistorische oder architektonische Juwele angeboten. Zentrum ist das neu errichtete Opernhaus nunmehr Teatro del Maggio benannt. Ein Dallapiccola Zyklus gehört dieses Jahr dazu, um den in Florenz verstorbenen bedeutenden Komponisten zu ehren, sowie seine florentinischen zeitgenössischen Komponistenkollegen. Zur Eröffnung wurde eine der erfolgreichsten modernen Opern ausgewählt, die 1978 in München uraufgeführte Oper Lear von Aribert Reimann. Die Tragödie um den englischen König, der sein Reich altersmüde an seine drei Töchter verteilen will und so auch deren Liebe zu erkaufen bzw zu erkunden fasst der Deutsche in ein packendes berührendes Gefühlsepos. Er instrumentalisiert gekonnt die Klangfarben der Instrumente zu Stimmungs - und Gefühlsträgern. Schauspielhaft wirkt das Libretto von Claus Henneberg nach der Vorlage von William Shakespeare. Trüb und deprimierend ist die Stimmung in England. Vor einem Holzverschlag sammelt sich die königliche Familie. König Lear mit seinen drei Töchtern und deren Ehemännern. Dahinter marschieren schemenhaft Menschen wie im Gefängnis auf und ab. Noch herrscht gleissendes Licht. Die Personen sind in aktuell moderner Kleidung mit einprägsamen Farben gekleidet- Kostüme Ingo Krügler. Calixto Bieito hat diese Inszenierung für die Opera national de Paris gestaltet, welche dort in 2016 Premiere hatte. Er lässt die Protagonisten unentwegt auf der Bühne herumschleichen. Viele Gesten haben symbolische Aussagekraft. Kent sammelt ständig wie ein Sandler alles in Plastisäcken auf und verwischt jegliche Spuren. Cordelia nimmt den siechen Vater wie eine Pieta in die Arme und umgekehrt der Vater seine tote Tochter. Rebecca Ringst schafft eine klare Sprache in der Bühnengestaltung. Die einzelnen Bretter des Holzzaunes sind beweglich und werden zum undurchdringlichen Wald oder zur Küstenklippe. Rauchschwaden vernebeln das Bild und versprühen Tristesse. Franck Evan und Sarah Derendinger untermalen mit Ihrer Luchtregie und Videos die trüben Aussichten für die königliche Familie. Jetzt hat der Maggio Musicale diese Inszenierung mit einer erstklassigen Besetzung übernommen. Allen voran Bo Skovhus in der Titelrolle, der das Leid und den Wahnsinn personifiziert und verinnerlicht. Über drei Stunden hält er das Publikum in Atem. Selbstlos geistert er über die Bühne und erträgt die Entwürdigung durch seine beiden falschen Töchter. Bis auf die Unterhose verliert er alles. Am Ende auch seine drei Töchter, die sich selbst richten. Geistig umnachtet beerdigt er seine geliebte Cordelia, das einzige wahre liebende Kind. Agneta Eichenholz zeigt als diese Zurückhaltung und Bescheidenheit als verstoßene Tochter, im Gesang verbleibt sie ebenso ruhig und jugendlich. Dramatik, Kaltschnäuzigkeit und hysterische Wut versteht Angeles Blancas Gulin in ihre Darstellung von Goneril zu legen. Im giftgrünen Outfit und der trockenen scharfen Stimme wird das wirkungsvoll unterstützt. Erika Sunnegardh gibt Ihrer Zeichnung der Rolle der Regan wenig Aussagekraft. Ihre Stimme zeigt geringe Klangfarbe und Kraft. Michael Colvin ist ein edler zu ruhiger Herzog von Cornwall. Umso betörender der Counter von Andrew Watts als sein Sohn Edgar, der vom Lord zum verkleideten Irren in Unterhose und -hemd mutiert. Seine schrägen Töne würzen diese Verwandlung. Den richtigen Ton und die Klangfarbe findet Fabio Luisi am Pult. Das Orchester des Maggio Musicale hat die anspruchsvolle Partitur bestens einstudiert und spielt nuancenreich und exakt zusammen. Bewusste Grenzregionen der Instrumente kommen schön zu Geltung. Wohldosiert und ausgeglichen ist die Lautstärke. Viel Applaus im gut besuchten Haus. Dr. Helmut Pitsch | Drucken

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