Regie vergewaltigt Don Giovanni mit dünnem Ergebnis in München

Xl_1857f5ac-7ca6-492b-abb8-32663325d046 © Geoffrey Schied

Wolfgang Amadeus Mozart Don Giovanni Bayerische Staatsoper 22.1.2026

Regie vergewaltigt Don Giovanni mit dünnem Ergebnis in München

Ein kleiner Hinweis im Finale der Oper Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart brachte wohl den Regisseur David Hermann der Neuinszenierung des Werkes an der Bayerischen Staatsoper 2025 auf die Idee, die klassische Tragödie von Prosepina und Pluto zum tragenden Konzept seiner Arbeit zu machen.

Pluto, der Gott der Unterwelt, entführt die blumenpflückende Proserpina, Tochter der Ceres (Demeter), der Göttin der Landwirtschaft und des Gottvater Zeus. Ein Kompromiss unter den Göttern führt zu ihrer Anwesenheit in der Unterwelt und auf der Erde. Der Mythos erklärt das Sterben und Werden der Natur: Proserpinas Abwesenheit bedeutet Herbst und Winter, ihre Rückkehr Frühling und Sommer.

Schon zur Ouvertüre wird die Idee zum Leben. Feuer erfüllt die Bühne, Proserpina verlässt die Unterwelt, um auf der Erde ihre Freiheit ausschweifend zu erleben. Kaum angekommen, trifft sie im stylisch modernen Schlafzimmer auf Donna Anna und Don Giovanni im Lieberspiel. Sie schlüpft in den Körper des Schwerenöters. Der Kontur, Donna Annas Vater spürt die beiden auf. Im Streit zwischen dem Komtur und Don Giovanni taucht Pluto auf und haucht dem Komtur das Leben aus. Immer wieder tauchen Proserpina, die mehr als oft den Körper des Frauenhelden verlässt, und Pluto ohne wirklichen Mehrwert für die Handlung in markant roten Hosenanzügen und Mantel auf. Im Gegenteil die Existenz der beiden ohne wirklichen Bezug stört und verwirrt. Weniger wäre hier deutlich besser, mehr Augenmerk auf die eigentliche Geschichte vom Leben und Untergang hätten den Abend Spannung verleihen können.

Technisch beeindruckend ist die Wandlungsfähigkeit der von Jo Schramm gestalteten Bühne. Vom Luxusschlafzimmer zum Standesamt, vom Strassenbild zum Gerichtsaal setzt sich die Bühnenkonstruktion wie ein "Tischlein deck Dich" ohne Unterbrechung zusammen. Farbenreich kreativ sind die Kostüme von Sibylle Wallum. Die Küchengehilfen im Schlussakt erinnern an die berühmten Gemälde der vier Jahreszeiten von Arcimboldo.

In der Personenregie fehlt der Bezug zum Libretto. Es fehlen intime Szenen, die in der Komposition so berührend ausgemalt werden. Kaum ein Protagonist wird im Charakter ausgefüllt. Allen voran leidet das Rollenbild des Titelhelden, dessen Identität bewusst von der Regie durch die Existenz von Proserpina zerstückelt wird. Der mystische steinerne Gast aus der Unterwelt wird von Pluto verdrängt, der nun Proserpina oder doch den Übeltäter in die Unterwelt führt.

Die Wiederaufnahme liegt musikalisch in der Hand von Constantin Trinks. Routiniert führt er das Orchester zu einer sehr klaren und ruhigen Sprache. Transparent ist der Klang. Dabei setzt er wenig Akzente und differenziert kaum in der Dramatik. Für die Sänger bereitet er einen kräftigen vollen Klangteppich, der stimmliche Ansprüche stellt. In der Begleitung der Rezitative, teilweise für die Regie adaptiert, schleichen sich ein paar harmonische Fehler am Hammerklavier ein.

Das junge Sängerensemble ist zum Teil noch die Premerienbesetzung. Insgesamt gibt es eine solide Leistung mit wenig Höhepunkten. Der Ulmer Konstantin Krimmel hat sich einen Ruf als junger Mozartsänger erarbeitet und ist international viel beschäftigt. Die Regie mutet ihm eine schauspielerisch fordernde Darstellung zu. Zum einen soll er den Draufgänger und souveränen Schwarm aller Frauen spielen, dann wieder die quälende Göttin, die Weiblichkeit die sich seiner Männlichkeit annimmt - und hierzu hat der Regisseur darstellerisch keine Phantasie mitgeliefert. So kommt der Abend durch diesen Regiekniff auf der Bühne auch nicht in Schwung. Sängerisch präsentiert Krimmel seine leichte helle, weich fliessende Stimme, in Kraft und Volumen hätte es mehr gebraucht. Kräftig und streitbar hingegen zeigt sich Christof Fischesser als Komtur. Sein Bass hat Körper und passt mit seiner Dunkelheit zur Mystik des steinernen Gastes. Kseniya Bakhritdinova ist kurzfristig als Donna Anna eingesprungen. Die Ukrainerin verfügt über eine kräftige, in Ansätzen dramatische Stimme, die in den Höhen oder im crescendo zu metallen wirkt. Gelungen ist die Darstellung von Julia Kleiter als kämpferische Donna Elvira, die ihre Liebe und manische Begierde zu Don Giovanni nicht aufgibt. Dies kann sie auch nuanciert stimmlich umsetzen.

Mit der Rolle des Diener Leporello hat Mozart eine vielsagende und sehr menschliche Rolle kreiert, die Sängern große Möglichkeiten in der Gestaltung bietet. Dies nutzt Michael Sumuel zu wenig. Solide gesungen bleibt sein Leporello blass, zum Teil auch der Regie geschuldet.

Am meisten Freude bereiten Erika Baikoff und Pawel Horodyski als Zerlina und Masetto. Die beiden bilden ein junges naives frisch getrautes Paar, sie kokett neugierig, er gutgläubig dümmlich. Mit frischen gut sitzenden Tönen liefern sie die nötige Leichtigkeit in ihren Arien.

Viel Zuspruch für Sänger und Musiker im ausverkauften Haus.

Dr. Helmut Pitsch 

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