Raritäten mit Fingerspitzengefühl zur Saisoneröffnung in Innsbruck

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Souverän und ernsthaft, mit einer ausgeprägten Gestik und stetem Blickkontakt fordert er das Orchester. Gerade 28 Jahre alt ist Kerem Hasan, der neue Chefdirigent der Innsbrucker Symphoniker. Mit Verve und Gespür hat er das Programm des Eröffnungskonzertes seiner ersten Saison in Innsbruck kurzfristig auf Corona umgestellt. Wie so überall macht der Virus auch hier einen Strich durch die Planung, Alpensymphonie und Cellokonzert weichen aufgrund von Abstandsbestimmungen und Einreisebeschränkungen musikalischen Raritäten und der jungen Trompeterin Selina Ott, Preisträgerin des renommierten ARD Wettbewerbs. Auch die üblichen Konzerteinführungen finden nicht statt, dafür gibt es eine herzliche kurze Begrüßung und persönliche Worte der Solistin und des Dirigenten zu den gespielten Werken vor coram publico. Eine gute Idee und verbindende Brücke zum Publikum, das trotz Corona zahlreich erschienen ist.

 

Zwei nahezu vergessene Ouvertüren von Franz Schubert gestaltet der junge Brite, zypriotischer Abstammung ausdrucksstark und farbenreich. Schwer und träge schreitet die Ouvertüre zur Oper Alfonso und Estrella D 732 von einem Ausbruch zum anderen, zu sehr ist sie noch in der Klassik verankert, um sich vollmundig zu entladen. Nuancenreich spielt sich Kerem Hasan mit der Wiederholung des Motives, das nicht richtig weiterverarbeitet wird. Den tänzerischen Charakter im zweiten Teil lässt er in einer melancholischen Stimmung schimmern. Die Oper wurde selten gespielt, die Ouvertüre hat auch für die Begleitmusik zum Schauspiel Rosamunde gedient. Franz Schuberts Ouvertüre e moll D 648 entstand nur wenige Jahre vorher und verblüfft mit seiner Italianita, wie Kerem Hasan sie kurz beschreibt. Sonne und Licht, ein Hauch von Rossinis Leichtigkeit sind erkennbar, aber Beethovens kurze prägnante Themen stehen ebenfalls als Vorbild da. Der Aufbau, die positive Tonsprache dieser Ouvertüre reisst mit.

 

Die beiden Ouvertüren umrahmen Johann Nepomuk Hummels Trompetenkonzert E Dur, das von der jungen Trompeterin Selina Ott vorgestellt wird und zu den beliebtesten Konzerten für dieses Instrument zählt. Im Original für Klappentrompete geschrieben ist das Werk eine Herausforderung für den Solisten, der die Themen und Rhythmen präsent anschlägt und das Orchester in der Begleitung führt. Erfrischend ist der hell geführte Ton, fordernd das Tempo für exakte Läufe und Sprünge. Der Finalsatz, Rondo überschrieben, ist bekannt und erklingt häufig. Freudig positiv, tänzerisch schwungvoll und positiv von Selina Ott selbstbewusst vorgestellt.

 

Flucht und nationalsozialistische Anfeindungen prägen das Leben und Schaffen des deutschen Komponisten Kurt Weill, dessen Dreigroschenoper ein Welthit wurde und ist. Aber auch sein symphisches Schaffen kann sich sehen lassen. Seine zweite Symphonie erlebte viel Zuspruch bei der Uraufführung in Amsterdam unter Bruno Walter 1934. Im Stil ist die Harmonie in der auslaufenden Spätromantik verhaftet mit leichten Ansätzen expressiver Dissonanz. Eine emotionale Schwere lastet in der Grundstimmung des Werkes. Markig startet der erste Satz - Sostenuto Allegro molto überschrieben. Munter treibt der Dirigent am Pult, Rhythmik prägt das Klangbild in klarer Schärfe. Viel Gespür für die Bläsersoli zeigt Kerem Hasan, in dem er die Lautstärken differenziert und sie fein klingen lässt. Vor allem im 2. Satz Largo und im Finale Allegro vivace Presto gelingt ein ausdruckstarkes Wechselspiel, nuanciert in den Farben und das Orchester präsentiert sich in Hochform bestens vorbereitet, ein letztes Aufbegehren bevor das Werk abrupt abbricht.

 

Das Publikum spendet ausgiebig begeistert Beifall und feiert den neuen Chefdirigenten.

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