Parsifal in Bayreuth - realistische Gestaltung mit aktuellem Bezug

Xl_pa_090718_017_enriconawrath_presse

Nach Jahren der Negativpresse zieht Bayreuth wieder die Aufmerksamkeit für seine Produktionen und Besetzungen auf sich. Das Festspielhaus am grünen Hügel erobert sich seinen Rang unter der gemeinsamen Führung von Katharina Wagner und Chriszian Thielemann zurück. Das Programm der Bayreuther ist gemäss dem Willen des Komponisten auf wenige Opern aus seiner Feder beschränkt. Dieser eingeschränkte Wirkungsraum steigert die Ansprüche an die Festspielleitung immer wieder Neues, Besonderes für das gleiche Werk zu erreichen Uwe Eric Laufenberg hat diesen Anspruch für Wagners letztes Werk, das Bühnenweihspiel Parsifal in 2017 übernommen, welches dieses Jahr als Wiederaufnahme gezeigt wird. Mit realistischen ausdrucksstarken Bilder und einer durchdachten Personenführung schafft er einen nahezu cineastischen Spannungsbogen im ersten Akt. Die Gralsritter leben im Vorderen Orient im Konkliktgeschehen zwischen den Religionen. Ihre Kirche hat Zerstörungen erlebt, wie ihr König Amfortas, der trotz seiner Wunde noch sportlich von der Gralsschale springt und am Ende der Gralsszene wie Christus am Kreuz von den Rittern zum Blutopfer aus seiner Wunde als Abendmahl geleitet wird. Laufenberg hat viele Ideen für seine Regie, für meine Geschmack zuviele. Im zweiten Akt herrscht Klingsor als Moslem in einem türkisch asiatisch anmutenden Palast. Amfortas taucht dort als sein Gefangener auf. Der Tor Parsifal erscheint als amerikanischer Soldat in voller Montur mit Maschinenpistole. Erotisch gelingt die Szene mit den Blumenmädchen, die mit Andreas Schager als lautstarker Parsifal im Hamam herum plantschen, nachdem sie ihn von seiner Militäruniform entkleidet haben. Er verfügt über eine kräftige Naturstimme und nuanciert wenig. Die Verführung Kundrys kommt nicht wirklich in Fahrt. Elena Pankratova als Kundry forciert und ihre Spitzentöne werden schrill und zunehmend unverständlich. Zurück in der Gralsburg treffen wir auf den gealterten Gurnemanz, der sich von der ebenfalls ergrauten Kundry auch mal im Rolsstuhl herumfahren lässt. Günther Groisböck verleiht Gurnemanz Charakter und Größe, stimmlich kämpft er mit der Intonation in der tiefen Lage und wird unverständlich. Der Karfreitagszauber wird eine Verbrüderung unter den verschiedenen Religionen mit einer reinigenden Dusche im verwilderten Garten der Gralsburg. Amfortas ist zurück am Sarg seines Vaters Titurel und verweigert ein letztes mal sein Amt und legt sich in den Sarg dazu. Thomas Johannes Mayer ist ein präsenter jugendlich wirkender Amfortas. Seine Stimme wirkt trocken und gefühllos. Sein Wunsch nach Erbarmen hängt leblos im Raum. Parsifal erlöst die Gralsritter und die anwesende bunt aus Rassen und Religionen gemischte Kirchengemeinde. Ein fröhliches Bild der Harmonie des Zusammenlebens und der Völkerverständigung bildet das Schlussbild. Semyon Bychkov hat dieses Jahr das Dirigat übernommen und gestaltet seinen Parsifal sehr breit und getragen. Im Klang fehlt Transparenz, Melodien und Themen verschwimmen. Mehr setzt er auf harmonische Übergüsse und Forte. Laut ist auch der Jubel am Ende für alle Beteiligten, insbesondere auch für den bestens vorbereiteten Chor.

Helmut Pitsch

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading