Paris - Siegfried - Vielleicht letzter Aufschrei eines Regietheater-Apologeten?!

Xl_a1032863-9c3c-4475-b862-afb596237729 © Herwig Prammer

PARIS/Bastille: SIEGFRIED - Neuinszenierung am 28. Januar 2026

Vielleicht letzter Aufschrei eines Regietheater-Apologeten?!

Die Neuinszenierung des „Siegfried“ im Rahmen der Neuproduktion des „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner durch den Altmeister des Wagnerschen Regisseurstheaters Calixto Bieito ging mehr oder weniger im gleichen Stil weiter wie das szenisch und konzeptionell schon unbefriedigende „Rheingold“ und die „Walküre“. Zwar ist man mit einigen Referenzen in Grün an den im „Siegfried“ so bedeutsamen Wald unterwegs.

Nach dem alles beherrschenden und die Bühne stark einengenden riesigen Metallcontainer findet man sich jetzt in der Tat in einem Wald von Rebecca Ringst im Licht von Michael Bauer wieder. So gesehen ist der „Siegfried“ etwas aufgelockerter und auch werkrelevanter. Aber der Wald steht auf dem Kopf, die Bäume sind von oben nach unten gehängt und werden ständig auf und ab bewegt. Die Natur ist damit ebenso durcheinander, wie alles andere durcheinander ist durch die von Bieito postulierten Algorithmen, die seinen ganzen „Ring“ zu einer Art dystopischem Albtraum werden lassen.

Das wird insbesondere durch die Klonierung von menschlichen Wesen deutlich, die wir mit unkenntlich gemachten Köpfen wiedersehen. Aber es ist natürlich auch alles Weitere aus dem Lot geraten. Siegfried schmiedet überhaupt kein Schwert, läuft mit einem Blecheimer herum, in den er alte Klamotten und Fetzen seines Hemdes wirft. Das ist dann der Ofen, in dem das Schwert vermeintlich gebrannt wird. Er findet es später auf einem Grashügel. Mime hat ständig einen großem Reisekoffer aus Aluminium dabei, braut aber keinen Trank.

Man kann noch so vieles sehen, was nicht stimmt, alles völlig irrelevant in dieser Inszenierung. Es wird offenbar immer genau das Gegenteil dessen gemacht, was Wagner eigentlich wollte. Der Drachenkampf, der natürlich keiner ist, wirkt dabei gar nicht einmal so schlecht, da der „Drache“ an Micky Mouse aus Florida erinnert und sich bei einer Umarmung Siegfrieds selbst ersticht - eine Parodie also. Dann lässt sich Siegfried aber mit etwa einem Liter Blut aus der Drachenfratze beträufeln und ist den ganzen Rest der Aufführung von oben bis unten mit Blut besudelt. Das sieht dann natürlich nicht gerade appetitlich aus, wie die meisten Kostüme von Ingo Krüger dem Inszenierungsstil entsprechend ebenfalls kaum gehobeneren geschmacklichen Vorstellungen entsprechen.

Seine Brünnhilde muss der „Held“ in diesem Outfit aus einem kleinen, mit Plastikplanen verdeckten Kabuff in der Oberbühne befreien... Banaler als banal ging es offenbar nicht. Die tatsächliche Annäherung findet dann unten statt. Auch das völlig daneben gehende Suppen-Diner Erdas mit dem Wanderer, nachdem ein auf dem Boden zappelnder Klon das ganze so grandiose Vorspiel verzwergte, verfielen zu banalisierenden Grotesken, die zeitweise optisch kaum noch auszuhalten waren.

Das meiste an diesem Abend ließ einen somit emotional kalt.

Musikalisch war es jedoch ein sehr guter Abend. Pablo Heras-Casado führte das Orchestre de l’Opéra national de Paris wieder erstklassig mit viel Verve sowie Liebe zum Detail. Er zeigte an diesem Abend einmal mehr, dass er zu den großen Wagner-Maestros langsam, aber sicher aufsteigt. Andreas Schager glänzte in seiner mittlerweile exzellenten Rolle des Siegfried mit souveräner Gestaltung und großer Musikalität. Tamara Wilson war ihm als Brünnhilde im Prinzip eine Partnerin auf Augenhöhe. Aber sie ist im Grunde ein Sopran, den man aus vielen anderen nicht heraushört, in gewissem Maße etwas beliebig. Ihre vokale Produktion blieb daher im Ausdruck begrenzt. Sie kam auch mit der höher gelegenen Tessitura im „Siegfried“ bei den Spitzentönen an ihre Grenzen. Brian Mulligan war ein mit dem Schicksal hadernder Alberich mit charaktervollem stimmlichem Ausdruck. Gerhard Siegel gab wieder einen hervorragenden zänkischen Mime. Mika Kares war als agiler Fafner ebenfalls beeindruckend. Marie-Nicole Lemieux, die als profund singende Erda mit dem Kochtopf kommen musste, um dem Wanderer eine Suppe aus Granulat zu servieren, nahm der so bedeutsamen Szene jede Wirkung. Derek Welton war ein baritonal ausgezeichnet und wortdeutlich singender Wanderer, der aus Wut über Erdas Kommentare gleich einmal seinen Küchen-Holzstuhl zerbrach. So musste die Arme im Knien essen, da sie ihm netterweise ihren intakten Stuhl überließ. Improvisation à la Bieito. Ilanah Lobel-Torres sang den Waldvogel schwebend in der Höhe in knallgelbem Hosenanzug.

Man darf gespannt sein, wie das Publikum reagiert, wenn sich Regisseur Calixto Bieito nach der „Götterdämmerung“-Premiere endlich dem Publikum zeigt. Als Nächstes kommen die besonders in dieser fragwürdigen Inszenierung allzu berechtigten Fragen der Nornen…

Klaus Billand

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