Otellos Welt dreht sich im Kreise - ein Psychodrama in München

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Ein modernes Kriegsheimkehrerdrama schafft Amelie Niermeyer in ihrer Interpretation dieser tragischen Oper von Giuseppe Verdi in München. Otello hat die Schlacht von Lepanto gewonnen, eine der grössten Seeschlachten der Geschichte. Aber der Held kehrt traumatisiert von den Schrecken verändert nach Hause zurück. In eine Beziehung, die von Spannungen belastet ist. Die reiche schöne Desdemona hat sich gegen die gesellschaftliche Konvention für die Liebe zu dem Mohren, dem tapferen Krieger aber Aussenseiter entschieden. Sie ist eine entschlossene junge Frau, stark und selbstbewusst. Unerschrocken setzt sie sich immer wieder für den in Ungnade gefallenen Cassio ein, auch wenn sie bereits den inneren zerstörerischen Konflikt Otellos erkennt. Der ist somit leichte Beute für den intriganten Jago, der seine verräterischen Fäden kunstvoll spinnt. Den psychischen Zerfall lässt die Regisseurin den Zuschauer auch physisch sichtbar spüren, indem sie eine detaillierte Personenregie für diese drei Charakter ausarbeitet. Eine schauspielerische Herausforderung für die Sänger. Der Münchner Publikumsliebling Jonas Kaufmann ist bekannt für seine darstellerischen Qualitäten und er lebt sichtlich in der Rolle. Äusserlich ist er kaum wiederzuerkennen. Ohne Locken, etwas mehr Kilos um den Bauch wirkt er in dem schlecht geschnittenen grünen Armeeanzug weniger gefällig. Die Eifersucht dringt in jede Pore seiner Existenz. Von Selbstzweifeln getrieben wirft er in kraftvollen Ausbrüchen seine geliebte Desdemona auch auf und über das Bett, zerrt sie schmerzhaft am Boden. Anja Harteros wieder einmal an seiner Seite, darf da nicht zimperlich sein. Stimmlich sucht er seinen Ausdruck von Schmerz und Verzweiflung immer wieder in einem Sprechgesang, verharrt in gehauchten Piani oder setzt diesen mit Kraft gesteuerte Sprünge in die Höhe. Sicherlich bietet seine Partie wenig ariöse Passagen, aber weniger Zurückhaltung im Ausdrucksgesang und romantischer Spannungskraft wären möglich gewesen. Dafür zeigt sich Anja Hateros in Höchstform und nimmt es auch sicher und elegant mit dem kraftvoll aufspielenden Orchester leicht auf.. Ihre Weiden Erzählung und Gebet im letzten Akt sind vom Feinsten und berührend. Einen echten Fiesling schält Claudio Sgura aus der Rolle des Jago heraus, sichtlich mit Leidenschaft. Leger und ohne Regung streut er seine Lügen und hilft mit süffisanten Druck nach. Verschleiert klingt seine Tiefe, am wohlsten fühlt er sich in der Mittellage und sicher auch seine Höhen.  Lyrisch und als gefundenes Opfer mutet Evan LeRoy Johnson als Cassio an.

 

Am Pult zeiht Adam Fischer fest die Fäden. Überaus präzis und kraftvoll setzt er seine Zeichen und Tempi. Mächtig lässt er das Orchester bis an die Schmerzgrenze wie Donnerhall ausbrechen. Das hat Wirkung und rüttelt auf. Vorspiel und der bestens vorbereitete Chor fegen zu Beginn wie ein Tornado über die Köpfe der Zuschauer. Diesen Sturm vor der Küste hat jeder erlebt. Genauso einfühlsam begleitet er die Sänger bis in die feinsten Pianistellen. Unermüdlich geben seine Hände Zeichen und fordern die Musiker auf.

 

Einfältig und statisch im Gegensatz dazu verbleibt das Bühnenbild von Christian Schmidt. Auf zwei sich spiegelnden Ebenen wird versucht Desdemonas und Otellos Welt zu erfassen, die sich aufeinander zubewegen und ebenso auseinander. Wir befinden uns in einem kühlen nüchternen Palastzimmer mit einem simplen Drahtgestellbett und einem schwarzen Lederstuhl als Inventar. Mit Videoeffekten dreht sich diese Welt ab und an wirkungsvoll im Kreise, wie deren Gedanken und die Tragödie nimmt seinen Lauf.  Das Publikum ist konzentriert dabei und bricht nach einem andächtigen Moment am Ende in grosse Begeisterung aus.

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