Otello Nationaltheater München- Psychokrimi um einen Außenseiter

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Dunkel und kühl liegt die Bühne vor den Augen der Zuschauer, sobald sich der Vorhang hebt. Im Hintergrund öffnet sich der Blick ins makellos hell weiße Zimmer Desdemonas, die ihren Gatten im Wechselbad der Gefühle erwartet. Gezeichnet von dem Kriegserlebnis kehrt der Held schleichend in ihr Zimmer zurück. Das Volk feiert ihn im dunklen Vordergrund, ohne ihn zu Gesicht zu bekommen. Kein strahlender Held sondern ein grübelnder, in sich Gekehrter steht da vor seiner Frau. Amelie Niermeyer gestaltet Verdis Spätwerk in einer modern anmutenden Interpretation aktueller Gesellschaftsphänomene. Der gesamte Abend spielt in Desdemonas Zimmer, welches Christian Schmidt zumeist doppelt auf der Bühne gestaltet, um die Innen- und Außenwelt der beiden darzustellen. Kalt und unpersönlich, ein Kamin, ein Bett und ein Sessel sind die einzigen Möbel. Eine Liebe die am Hadern des Helden Otello scheitert, der in seiner labilen Psyche leicht getäuscht und verhetzt werden kann. Ein williges Opfer für den machthungrigen Intriganten Jago, selbst ein Sonderling und Außenseiter. Dazu arbeitet sie auch am äußeren Erscheinungsbild der Darsteller, allen voran Jonas Kaufmann als Titelheld. Seine Lockenpracht weicht kurzen glatten Haaren und steckt in eine unförmige fahle Uniform - Kostüme von Annelies Vanlaere. So sieht kein Günstling der Frauen und des Volkes aus. Gerald Finley läuft als Jago im grauen T Shirt und Schlapperhose. Anja Harteros wirkt als Desdemona selbstbewusst und wie eine Geschäftsfrau u.a. im schwarzen Hosenanzug. Umso mehr untermauert sie in der Personenführungen ihr Psychodrama. Es herrscht Distanz zwischen dem Liebespaar, wie auch in der Musik erkennbar. Der innere Verfall , der wachsende Wahnsinn Otellos bekommt viel Raum, so wie seine Ausgrenzung. Ebenso die mörderische Anstiftung. Jago wird zum zentralen Spieler auf der Bühne. Allgegenwärtig schleicht er herum und partizipiert an jedem Schritt der Handlung, in die er maßgeblich eingreift. So entsteht Spannung durch eine überzeugende Entwicklung der Tragödie. Kirill Petrenko folgt dieser Regie mit dem Staatsorchester im Graben und sie werden ebenbürtige Interpreten. Es wird schwungvoll und ausdrucksstark musiziert. Steigerungen werden ausgefeilt ausgeführt, Forte und Piani reihen sich präzise. Immer wieder übernehmen Solistimmen der Instrumente eine führende Rolle und liefern die emotionale Verstärkung. Romantisch, expressiv und farbenreich bettet Kyrill Petrenko die Handlung auf einen breiten Klangteppich. Musikalisch ist hier alles von höchster Qualität an diesem Abend. Jonas Kaufmann und Anja Harteros sind in München Fixstarter in allen Neuinszenierungen von Opern Giuseppe Verdis. Sehr zur Freude des Publikums, die auch an diesem Abend die beeindruckende Leistung der beiden feiert. Kaufmann ist außerordentlich sicher in seiner Stimmführung, trifft jeden Ton in allen Lagen, ohne Druck oder gepresster Forte. Weich und warm gleitet er zwischen den Lagen hin und her, seine besonders ausgefeilten Legati kommen ebenso zur Geltung. Auch ohne große Arien kann er in dieser Partie sein Können bestens demonstrieren. Anja Harteros Stimme hat in den letzten Jahren an Farbe gewonnen, die Höhen gelingen weiterhin sicher und bestechen. Eine herausragende Leistung bringt Gerald Finley. Sein Jago fächert die Vielfalt dieses Baritons auf. Dazu säuselt er süßlich dem Helden ins Ohr oder giftet in seiner Umgebung. Gebannt folgt man seinem Tun und Gesang.

Das Publikum dankt mit stehenden Ovationen.

Dr. Helmut Pitsch

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