Oper Sofia - Zum ersten Mal „Elektra“ in Bulgarien!

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SOFIA: ELEKTRA – Premiere am 26. und 1. Reprise am 29. November 2020

Zum ersten Mal „Elektra“ in Bulgarien!

Aus Sofia ist in diesen trüben Tagen eine kleine Sensation zu vermelden: Hier erlebte die Elektra von Richard Strauss an der Sofia Oper und Ballett ihre bulgarische Erstaufführung, also 111 Jahre nach der Uraufführung. Der Regisseur Plamen Kartaloff, auch Generaldirektor des Hauses, fährt somit weiterhin in tiefem Fahrwasser der Opernliteraur, nachdem er hier ja schon den „Ring“, „Tristan und Isolde“ sowie „Parsifal“ von Richard Wagner inszeniert hat.

Von Beginn an reißt diese „Elektra“-Produktion den Betrachter mit. Schon bevor das initiale Agamemnon-Motiv donnert, sieht man Elektra, wie sie sich in ihrer Verzweiflung die Haare wie wild geworden abschneidet. Es wird also gleich offenbar, dass das Geschehen am Atriden-Palast auf einen Höhepunkt zusteuert, zu dem es in ungewöhnlich dynamischer Art und Weise dann auch eindrucksvoll kommt. Bühnenbildner Sven Jonke, mit dem Kartaloff zuvor schon „Parsifal“ und „Yanas Neun Brüder“ gemacht hatte,schuf einen geometrischen, in der Höhe schräg zulaufenden, schwarz-grauen Atriden-Palast mit semitransparenten Wänden. Mit einer Drehbühne verwirklicht Kartaloff dann seine Sicht der „Elektra“ als einer Aneinanderreihung von Episoden im Sinne eines Kaleidoskops, die in Verbindung mit der in der Tat „vulkanischen Macht und theatralischen Wirkung“ der Musik ständig wechselnde Szenen erzeugt. Durch Rotation des Einheitsbühnenbildes werden somit immer wieder neue Optiken und Momentaufnahmen im Sinne einer vom Regisseur beabsichtigten kontinuierlichen Dynamik frei, die durchaus etwas Filmisches haben. Ja, er spricht im Programmheft sogar von einer „galoppierenden Entwicklung“. Das verlangt eine ausgefeilte Personenregie, denn jede noch so kleine Szene, und manche sind bei dieser Konzeption natürlich sehr kurz, verlangt eine ganz spezielle Interpretation. So ist zum Beispiel die Szene zwischen Elektra und Klytämnestra in zwei große Blöcke – einen, bevor Klytämnestra und ihr Hofstaat, und den anderen, als sie mit Elektra allein ist - mit unterschiedlicher Perspektive unterteilt. Das macht dramaturgisch sehr viel Sinn. Bei der traditionell guten Personenregie Kartaloffs gelingt das auch durchgehend.

Dabei erleben wir auch eine Reihe neuer und durchaus interessanter Einfälle. So beginnt das Stück mit Elektra am Grab ihres geliebten Vaters, der während des Monologes mit der Königskrone im Hintergrund angedeutet sogar zu sehen ist. Elektra ist offenbar von ihren Mühen um Rache so zermürbt, dass sie nicht nur psychischen, sondern auch schon physischen Schaden genommen hat. Immer wieder knickt sie krankhaft mit dem Kopf ein. Zum Schlussakkord wird sie mit der Ägisth abgenommenen Krone des Agamemnon über dessen Grab zusammenbrechen – ihr Kreislauf hat sich geschlossen. Zuvor hat sie in einer Assoziation an dessen Mord dem aus dem Bade kommenden Ägisth ein Netz übergeworfen, in dem er mit der von ihr übergebenen Taschenlampe zappelt. Die folgende Ermordung durch Orest und seinen Pfleger ist im Wegdrehen der Bühne noch ansatzweise drastisch zu sehen. Dass der Palast sich da sofort blutrot verfärbt, machte zwar Sinn, nicht aber, dass diese Beleuchtung schon nach einigen Sekunden vorbei war… Auch mit der Verstärkung der letzten verzweifelten Rufe des Ägisth klappt es nicht wie erwartet. Im Finale zerfallen die Plastikwände des Palastes durch Wassereinwirkung spektakulär in ihre Einzelteile. Zumindest diese Tyrannei fand ein Ende!

In einem komplett bulgarischen Sängerensemble beeindruckt Lilia Kehayova mit einer großartigen Darstellung der Titelrolle mit einem stabilen, leuchtenden und auch höhensicheren Sopran bei guter Diktion. Man kann sagen, dass sie, die immer wieder die Titelrolle in der Nationaloper „Yanas Neun Brüder“ gab, diese schwere Rolle sängerisch sowie darstellerisch verinnerlicht hat. Im Grab Agamemnons hat sie auch die große blinkende Axt aus Aluminium vergraben, die im Zwiegespräch mit Chrysothemis eine Rolle spielt. Tsvetana Bandalovska verkörpert die Rolle der von Elektra verachteten Schwester sehr intensiv und glaubwürdig und legt sängerisch einen hohen Grad an Musikalität an den Tag. In der Mittellage ist ihr Sopran intonationssicher, gerät aber bei den Spitzentönen - und an Dramatik hält auch diese Rolle allerhand bereit - hörbar unter Druck. Ihr weißes Kostüm mit einer langen roten Schärpe setzt sich auch dramaturgisch sinnvoll vom düsteren rot-schwarzen Gewand Elektras ab. Für die generell bestens gestalteten Kostüme zeichnet Leo Kulas verantwortlich.

Klytämnestra wird ebenfalls schon von ihren Ängsten gezeichnet dargestellt. In einem spektakulären Gewand mit edelsteinbesetzten Handschuhen mit ausgezogenen Fingerspitzen macht sie einen skurrilen Eindruck. Gergana Rusekova erfüllt mit ihrem vollen und schön timbrierten Mezzo hier alle stimmlichen Erwartungen und bringt auch die entsprechende gestalterische Note ein - ein Bühnenvieh! Der überaus talentierte Atanas Mladenov, auch der Amfortas in Sofia, singt einen jungen und ruhigen Orest mit seinem ausdrucksvollen Bariton und exzellenter Diktion. Die Choreografie von Fredy Franzutti weist den fünf Mägden und der Aufseherin nach ihrem ersten sängerischen Auftritt während des gesamten Stücks die Rolle des erklärenden Chores des griechischen Theaters zu, ein interessanter und viele Bilder belebender Regieeinfall. Als am Ende in der Bühnendrehung die beiden Ermordeten hinter der triumphierenden Elektra zu sehen sind - ein starkes und so wohl noch nie gesehenes Bild - liegen konsequenterweise auch die fünf Mägde sowie die Aufseherin am Boden. Ihr letzter Kommentar dessen, was geschehen ist…

In den Nebenrollen gab es Licht und Schatten. Stark beeindrucken kann Petar Buchkov als Pfleger des Orest, und gute stimmliche sowie schauspielerische Leistungen geben Emil Pavlov als Ägisth, Silvana Pravcheva und Stanislava Momekova als Vertraute und Schleppträgerin (die übrigens immer hinter Klytämnestra mit der Schleppe stehen…). Unter den Mägden beeindrucken die 2. Magd, Violeta Radomirska, und die 3. Magd, Alexandrina Stoyanova-Andreeva mit gutem Mezzo sowie die Sopranistin Silvia Teneva als 5. Magd mit guten stimmlichen Leistungen. Auch der Alte Diener ist mit Dimitar Stanchev gut besetzt. Stimmlich gar nicht überzeugen kann Rumyana Petrova als 1. Magd, Bayasgalan Dashnyam als Aufseherin und Angel Antonov als Junger Diener. Einige stimmliche Schwierigkeiten hat auch Ina Petrova als 4. Magd.

Der US-amerikanische Dirigent Evan-Alexis Christ konnte für die musikalische Einstudierung - man spielte die leicht reduzierte Orchesterfassung des Komponisten Richard Strauss - und die Leitung dieser „Elektra“ gewonnen werden. Er motivierte mit großem Engagement das Orchester der Sofia Oper und Ballett zu einer außergewöhnlichen Leistung bei recht schnellen Tempi und ließ das Stück in einer Stunde und 45 Minuten spielen. So motiviert habe ich die Musiker hier noch nicht spielen gehört, von einigen kleineren Unsicherheiten, besonders zu Beginn, abgesehen, wohl auch durch die komplizierte Mägde-Szene bewirkt. Christ hatte bei unglaublicher Konzentration und exakten Einsätzen des vor ihm weit verteilt in Parkett und Graben sitzenden Orchesters im wahrsten Sinne des Wortes alle Hände voll zu tun und hätte manchmal auch noch eine dritte brauchen können. Seine große Kenntnis der Partitur - er hatte „Elektra“ schon mehrmals als GMD am Staatstheater Cottbus dirigiert - sicherte aber einen guten musikalischen Abend. Die spürbar große Motivation und Energie des Dirigenten sprangen offensichtlich auf die Musiker über. Auf den Chor im Finale hatte man wegen der Corona-Gefahren verzichtet - es fiel angesichts der spannenden Schlussbilder überhaupt nicht auf!

Den strengen Hygieneauflagen wurde also damit Rechnung getragen, dass das Orchester auf einer Holzüberdeckung des Parketts und im leicht abgesenkten Graben saß und das Publikum auf dem Balkon und den Rängen. Damit ergab sich auch ein transparenteres Klangbild. Man konnte vom Balkon Einzelinstrumente sehr gut heraushören, insbesondere die Erste Flöte und die Klarinetten, aber selbst auch einige Streicher. Herrlich klangen die Wagner-Tuben. In gewisser Weise wurde das Orchester durch seine Platzierung zu einem Teil der Inszenierung. Da der Kultusminister Boil Banov, der selbst einen Theaterhintergrund hat, die Entscheidung getroffen hatte, dass auch im Corona-bedingten Lockdown 30 Prozent der Sitzplätze aufgelegt werden, konnten beiden Vorstellungen jeweils etwa 200 Zuschauer beiwohnen.Die Besucher waren am Ende begeistert und spendeten langen Applaus. Die „Elektra“ von R. Strauss und Hugo von Hofmannsthal feierte auf bulgarischem Boden einen packenden Einstand!

In der 1. Reprise gab es auch eine gute Zweitbesetzung

In der 1. Reprise konnte Plamen Kartaloff in den Hauptrollen eine Zweitbesetzung aufbieten, die sich kaum hinter der Erstbesetzung verstecken musste. Diana Gouglina sang mit schlankem und farbenreichem Sopran die Titelrolle, erheblich lyrischer als ein paar Tage zuvor Liliya Kehayova. Das führte zu sehr schönen vokalen Momenten in den ruhigeren Szenen mit Chrysothemis und natürlich in der Erkennungsszene mit Orest, wo ihr herrlich lange Bögen gelangen. Bei den vielen Spitzentönen geriet ihr Sopran allerdings schnell an seine Grenzen, denn er ist nicht hochdramatischer Natur. Jordanka Milkova sang die Klytämnestra als attraktive, durchaus noch nicht gealterte Frau mit ansprechendem Mezzo, der allerdings angesichts der Lautstärke der Strauss’schen Musik nicht immer klar zu hören war. Gergana Rusekova hatte in der Premiere mehr power zu bieten. Radostina Nikolaeva war diesmal die Chrysothemis mit einem klangvollen Sopran, darstellerisch und musikalisch nicht so stark wie Tsvetana Bandalovska in der Premiere, aber stimmlich ausgewogener, wenn auch nicht immer ganz auf Linie mit dem Dirigat. In jedem Falle eine gute Chrysothemis, die ja in Sofia auch die Isolde singt. Wie schon in der Premiere bestach Atanas Mladenov wieder mit einer eindrucksvollen und äußerst wortdeutlichen Interpretation des Orest.

Diese „Elektra“ soll auch im Januar und Februar 2021 und im Frühjahr wieder auf dem Spielplan stehen, je nachdem, wie sich die Corona-Problematik entwickelt.

 

Klaus Billand

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