Nero wütet mit Kraft und Verstand inszeniert in Bregenz

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Arrigo Boito Nerone

Bregenzer Festspiele Besuch am 25.7.2021.

Ausgefallenes, selten aufgeführtes oder Unbekanntes prägen die alljährliche Opernpremiere im Festspielhaus neben dem Spiel auf dem See die Bregenzer Festspiele. Posthum wurde 1924 die Oper Nerone von Arrigo Boito in der Mailänder Scala uraufgeführt Arturo Toscanini beendete die Komposition und stand auch am Pult. Die erfolgreiche Aufführung war ein großes Spektakel mit über 600 Beteiligten. 1928 wurde das neuerbaute Römische Opernhaus mit Nerone eröffnet. Der Komponisten Arrigo Boito ist besser bekannt als Librettist des gealterten Giuseppe Verdi für seine letzten großen Werke Otello und Falstaff. Aber er übersetztein auch als erster verschiedene Wagner Opern und dessen Wesendonck Lieder ins Italienische.

Auch für Nerone schuf er das Libretto sebst. Es handelt von Szenen aus dem imperialen Leben im antiken Rom und dem des sagenumwobenen Kaisers Nero. Die Oper endet mit der wohl bekanntesten überlieferten Tat des Kaisers, die in Brandsetzung Roms, wobei unter Historikern die Tat umstritten ist. Geprägt war die Herrschaft Neros von den religiösen Auseinandersetzungen mit dem erstarkenden Christentum, die auch in dieser Oper wesentlich sind. Eigentlich ist der Bösewicht Simon Mago der Drahtzieher der Handlung. Es ist manisch in seiner Machtgier und Christenhass. Er schmiedet mit der Nero verfallenen Astoria einen tödlichen Plan, den Rubria durchkreuzt. Die charismatische junge Frau ist Vestalin als auch dem Christentum verfallen. Simon Mago als auch Rubria sterben in den Flammen wahrend des großen Spektakel im Circus Maximus.

Nahezu 60 Jahre arbeitete Arrigo Boito ab 1862 an dieser Oper bis zu seinem Tod 1918. Fertig wurde er nicht und die Schwerfälligkeit der Komposition ist spürbar. Von Hochromantik bis Impresssionismus und Expressionismus sind Elemente hörbar, aber er tastet sich vorsichtig durch die Harmonien, bleibt sehr romantisch. Zumeist wird  sehr cantabel und arios im Sprechgesang gesungen. Melodiebögen prägen das Klangbild, sind aber nicht wirklich einprägsam. Insgesamt fühlt sich die Musik als schwermütige Untermalung zur ereignisreichen Handlung an. Dies liegt aber auch an der sehr gelungenen Inszenierung von Olivier Tambosi. Er schafft es die schwülstige blutige Handlung sehr klar und einfach zu inszenieren. Im Stil erinnert er an Robert Wilson. Kräftige Bilder mit wiederkehrenden Bewegungsmustern helfen die Handlung zu strukturieren. Ständig ist das Bühnenbild von Frank Philupp Schlössmann in Bewegung. Einfache Lichtsäulen ragen in den Himmel, dazu bestimmen wenige Requisiten die Handlungsorte. Der Palast hat ein paar Sesseln, Zypresen und umgestürzte Möbel reichen um Orte und Stimmungen auf der Drehbühne zu definieren. Es ist diese ausgefeilte Personenregie mit schrägen aber passenden Köstümen von Gesine Völlm und einer ausgeklügelten Lichtregie von Dary Cunningham, die Spannung und Unterhaltung erzeugent.

Dirk Kaftan holt aus der Partitur alles Verfügbare heraus und bringt sich mit Akribie und Phantasie am Pult der Wiener Symphoniker ein. Zumeist bleibt das Orchester in einer ausmalenden Begleitung verhaftet. Symphonisch stecken wenige große Momente in der Partitur, aber eine farbenreiche Instrumentierung untermalen stimmungsvoll Gesang und Handlung. Im 3. Akt gibt es ein Vorspiel und Intermezzi, die auch dem Orchester Raum geben, seine hohe Qualität zu präsentieren. So erlebt das Werk eine aufgehende Blüte bevor es wieder in die Versenkung fallen wird.

Großen Einsatz und Engagement zeigen auch die Sänger,  die diese schwierigen Partien einstudiert haben. Rafael Rojas in der Titelrolle präsentiert einen lyrischen höhensicheren Tenor. Lucio Gallo ist ein dunkler mystischer Gegenspieler der auch darstellerisch sehr überzeugt. Brett Polegato mimt den Führer der christlichen Gemeinde Fanuel, der Mildtätige und Unbeirrbare, der auch sein Martyrium überlebt. Svetlana Aksenova schafft es der zwieträchtigen Rolle der Astoria ein Profil zu geben. Ihr dunkler markanter Sopran bleibt ohne Schärfe in den Spitzen. Alessandra Volpe ist eine lyrische Rubria. Sie verleiht der im Glauben irrenden eine menschlich emotionale Note. Miklos Sebestyen ist ein markanter sehr präsenter Tigelino, der süffisanten verdruckst am Schicksal dreht.

Eigentlich hätte die Oper noch einen 5. Akt bekommen sollen.  Aber nach drei Stunden und vier Akten wirkt das Werk erschöpfend und die Geschichte ausgeführt. Viele Handlungsstränge verlaufen parallel, und münden in den Tod der wichtigsten Protagonisten wie auch des Komponisten. Den Bregenzer Festspielen ist zu danken, keine Mühen und Kosten gescheut zu haben, dieses monumentale Werke erklingen zu lassen. Das Publikum spendet viel Beifall und zeigt sichzu Recht beeindruckt.

Dr. Helmut Pitsch

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