Münchner Opernstudio Der Diktator / Der zerbrochene Krug zwei Einakter als Dokumentation der Opernentwicklung im 20. Jahrhundert.

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Ernst Krenek 1900-1991 zählt mit 20 Opern zu den bedeutendsten Opernkomponisten des letzten Jahrhundert, und wird als Wegbereiter zum sozialkritischen zeitgenössischen kulturellen Musiktheater eingestuft. Mit "Johnny spielt auf" hatte er 1927 grossen Erfolg und löste eine politische Diskussion besonders mit der aufstrebenden NSDAP aus. 1932 wurde das Werk als entartet eingestuft. 1938 emigrierte Ernst Krenek In die USA. Kurz nach der Fertigstellung dieser erfolgreichen Oper begann er mit dem Projekt drei Einakter zu schaffen, welches sich nur in einem fertigen Werk findet, dem 30 minütigen Einakter der Diktator. Das Libretto verfasste Ernst Krenek selbst.

Maria, die Ehefrau eines in den Kriegswirren erblindeten Offizier will den Diktator und Verursacher des Leidens ihres Mannes mit einem Revolver töten, verfällt aber dem Zauber des mächtigen Diktator, der um ihre Liebe buhlt. Ihr Ehemann will nun die Rache selber vollführen, tötet aber seine Frau Maria, die sich schützend vor den Diktator wirft.

Viktor Ullmann wurde 1898 im Schlesien der österreichischen Monarchie geboren. Während seines Jura Studiums begegnete er Arnold Schönberg und wurde dessen Schüler. Alexander Zemlinsky war ein Förderer des talentierten Musikers. Als Komponist, Dirigent und Pianist lebte er in Prag bis er 1941 ins polnische KZ Theresienstadt verschleppt wurde und 1944 in Auschwitz verstarb. Seine Kompositionen zeichnen sich durch harmonische Vielfalt und farbreiche Instrumentierung aus. Auch seine tiefe Kenntnis des Kontrapunktes ist klar erkennbar. Drei Opern zählen zu seinem musikalischen Vermächtnis. Die Vertonung des Kleist Stoffes komprimiert die Geschichte um den zerbrochenen Krug und verändert den Inhalt. Vor Gericht wird der Schuldige gesucht, der in der Nacht den kostbaren Krug Frau Marthes zerbrochen hat. Symbolhaft steht der Krug für die zerbrochene Dorfgemeinschaft und das zertrümmerte Vertrauen gegenüber der selbstgefälligen Justiz. So beschuldigt jeder jeden, am Ende wird Richter Adam als Täter überführt. Dominiert wird das Werk von einer breit angelegten Ouvertüre, die wirkungsvoll und stimmungsvoll Bilder zeichnet. Spätromantische Klangwelten treffen auf expressive Exzesse am Rande der Harmonie. Klare Strukturen fangen die Ausbrüche geschickt verpackt wieder ein.

Das Opernstudio der bayerischen Staatsoper hat diese beiden musikalischen Zeitdokumente als sein diesjähriges praktisches Aufführungsprojekt ausgewählt. Junge Nachwuchstalente bekommen Gelegenheit ihr Können unter Beweis zu stellen. Martha Teresa Münder inszeniert den Diktator. Sie verkleinert die Bühne des Münchner Cuvillestheaters und stellt die vier Protagonisten in einen offenen Quader aus sterilen Grau in der Mitte der Bühne, gestaltet von Marie Pons. Stummfilmartig werden Videosequenzen erzählend eingespielt. Mit wenig Körpersprache aus langsamen Bewegungen werden subtil persönliche Beziehung angedeutet. In der räumlichen Dichte gemeinsam mit der expressiven, aber noch harmonischen Musik Kreneks entsteht eine mitreissende Dramatik die sich stetig auf einen Höhepunkt zubewegt. Ausschliesslich wohlartikulierter Sprechgesang ohne Arien wechselt sich mit intensiven Orchesterszenen ab. Die jungen Sänger Paula Ianic als Marie und Galeano Salas als ihr Ehemann zeichnen ein klares Rollenbild und gestalten diese mit viel Gefühl und Spiel. Boris Prygl wirkt hölzern als Diktator aber kräftig in der Stimme. Reka Kristof bleibt wenig, um in ihrer Rolle zu überzeugen. Ohne Pause leitet fliessend Karsten Januschka am Pult des Münchner Kammerorchesters zu Viktor Ullmann und dessen breit angelegter Ouvertüre über. Sicher pointiert er den musikalischen Wechsel. Überwiegt bei Krenek noch bizarre kantige Klanggewalt feilt er hier an weichen ja melodischen Klangskulpturen mit reicher Instrumentierung. Tempo und Volumen passen und überzeugen. Andreas Wentrich nutzt die umfangreiche Ouvertüre um das nächtliche Geschehen andeutungsweise zu skizzieren. Danach dreht sich die Bühne und es regnet Blätter vom Himmel. Ein knorriger Baumstumpf dient als Amtsitz des Richters, der sich selbst in Dreck und Unordnung wälzt, Zeugnis einer desolaten Gesellschaft. Hier herrscht aktives Geschehen und viele Personen bewegen sich auf der Bühne, nicht immer im Kontext einzuordnen. Mannigfaltig ist auch der Stil der Kostüme von Gesine Völlm, Landluft begegnet Stadtluft im Stil der zwanziger Jahre. Jeder im Dorf möchte auf der Bühne überzeugen. Es wird laut, zu laut und undifferenziert gesungen. Milan Siljanov zeigt sich als stimmlicher mächtiger ungeschliffener Dorfrichter Adam, Oleg Davydov als dandyhafter Gerichtsrat und Long Long als überdrehter Stadtschreiber. Ulrike Arnold klärt kühl und spröde die Geschichte auf und klagt den Richter an, der gefolgt von der aufgebrachten Menge flieht. Auf versteckte Weise prangern beide Werke Machtmissbrauch und Gewalt an und üben so Kritik an den Machtsystemen und der Gesellschaft ihrer Zeit aber auch darüber hinaus. Die Auswahl und die Zusammenführung der beiden Stücke ist ein dramaturgisch geschickter und schlüssiger Schritt und der Abend gibt eine gute und empfehlenswerte Möglichkeit zeitgenössische Werke näher kennenzulernen.

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