Medea wütet - Sonya Yoncheva brilliert in Berlin

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Immer grösserer Beliebtheit erfreut sich diese Oper des italienischen Komponisten Luigi Cherubini. Der Ruhm von Maria Callas ist eng mit dieser Rolle verbunden, die sie 1953 erstmalig mit grossem persönlichen Erfolg gesungen hat, aber damit auch für die Wiederbelebung des Werkes entscheidende Impulse gesetzt hat. Es wirkt fast ironisch, dass diese dramatische, tragische als auch blutige Geschichte der Königstochter und Zauberin Medea als Opera Comique 1797 in Paris uraufgeführt wurde. Opera Comique bezeichnete damals die Abgrenzung des neue Genre zur Barockoper, welches Ende des 18. Jahrhunderts in Paris entstanden ist. Gesprochene Texte, Solo- und Ensembleszenen sowie Arien, gekoppelt mit grossen Orchestervorspielen im Sinne der Wiener Klassik und Chören stellen die Bestandteile. Dem Libretto wächst mehr Bedeutung zu. So ist die Handlung und das Libretto durch den französischen Literaten Francois Benoit Hoffmann zuerst entstanden und dieser bot die Vertonung nach einigen Ablehnungen der führenden Opernhäuser dem frisch nach Paris gekommenen Luigi Cherubini an, der sofort an der Handlung Gefallen fand.

Medea, sagenumwobene Königstochter aus Kolchis hilft Jason das goldene Vlies aus ihrer Heimatstadt zu rauben und kehrt mit ihm nach Jolkos zurück. Sie verfügt über magische Zauberkräfte, ohne die das Vorhaben nicht gelungen wäre. Dabei geht sie rücksichtslos in der Umsetzung ihrer Pläne vor. Der Mord an ihrem Bruder, am Onkel Jasons und zuletzt ihrer beiden mit Jason gemeinsamen Söhne gehört hier genauso dazu.

So spricht man besser von einer Tragedie lyrique, die am 7. Oktober 2018 in der selten aufgeführten französischen Originalfassung mit gesprochenen - hier gekürzten - Dialogen in der Regie von Andrea Breth mit der aufstrebenden Bulgarin Sonya Yoncheva in der Titelrolle an der Staatsoper Berlin Premiere hatte. Auch in der aktuellen Wiederaufnahme gestaltet die gefeierte Sopranistin die Titelrolle mit viel schauspielerischen Impetus und gesanglicher Strahlkraft. Dunkelblau schimmernd weit ausladend ist ihr Kleid, lassziv lässt sie eine Schulter frei. Mit einem Schleier verbirgt sie ab und an ihr Haupt, wenn sie über die mit Gerümpel volle Drehbühne schleicht oder schreitet. Statt herrschaftlichem Ambiente versetzt Martin Zehetgruber befremdlich das Ambiente in eine heruntergekommene Lagerhalle, in der die erbeuteten Schätze Jasons aufbewahrt werden. Grosse Rolltore oder verrostete Stahltüren trennen die einzelnen Felder der Drehbühne ab. Schwarze lebensgrosse Pferdestatuen gehören ebenso zur Beute. In diesem Durcheinander suchen sich die Protagonisten ihren Weg, für eine logische schlüssige Personenregie fand die Regisseurin Andrea Breth selbst wenig Raum und Ideen. So obliegt es den Sängern, dem Abend Leben und Spannung zu geben.

Hier ist Sonya Yoncheva in ihrem Element. Erscheint sie im dritten Bild zieht sie gleich alle Aufmerksamkeit auf sich und erzeugt Spannung bis zur Schlusszene, in der sie über ihren gerächten untreuen Liebhaber Jason triumphiert und sich am Mord ihrer Kinder anklagt. Den Dolch in der Hand, das Kleid gerafft wandelt sie zwischen den brennenden Kisten dem Wahnsinn immer mehr verfallend bis sie sich schliesslich selbst hinrichtet. Die Kraft und Farben ihres Sopran wirken luxuriös für die Rolle, aber in ihrer musikalischen Ausgestaltung trifft sie die richtige Dramatik und Kraft in den Tönen, nie übersteuert oder metallen in den Spitzen, umso inbrünstiger die Mittellage und Tiefe. Ihren Stimmumfang, die Leichtigkeit im Lagenwechsel und in akrobatischen Melodieläufen stellt sie unter Beweis. Diese Medea lässt Korinth erzittern, der Abend gehört ihr. Francesco Demuro als Jason kann sich dieser betrogenen Geliebten schwer entgegensetzen noch entziehen. Stimmlich gestaltet er lyrisch und ariös seine Auftritte, sein Tenor zeigt sich fest und sicher, offen und weich in allen Lagen mit feinem Timbre. Iain Paterson verleiht dem Herrscher Kreon wenig Machtgefühl und herrschaftliche Fülle. Im dunklen Gehrock bleibt er farblos. Slavka Zamecnikova gestaltet als sein Tochter Dirce eine schöne, wenn auch kühle verunsicherte Braut, die von der Regie in der Handlung vernachlässigt wurde. Dafür schafft sich Marina Prudenskaya als Neris mit ihrer berückend schön gestalteten Arie statisch an der Rampe gesungen viel Aufmerksamkeit.

Oksana Lyniv hat die musikalische Leitung der Wiederaufnahme von Daniel Barenboim übernommen. Ausladend breit sind ihre Gesten, markant versucht sie die Aufmerksamkeit der Orchestermusiker zu erreichen, aber es gelingt ihr nicht die umfangreichen Orchestervorspiele mit der nötigen Spannung und symphonischen Durchschlagskraft zu versetzen. Es fliesst ruhig, ab und an steigert sich die Lautstärke, aber es werden keine fühlbaren Steigerungen aufgebaut die zu bildlichen Ausbrüche führen. Viel dramatische Handlung hat der Komponist, den Ludwig van Beethoven verehrte, in seiner Partitur verpackt, die die bestens vorbereiteten Musiker mit der jungen Dirigentin nicht ausgepackt haben. Breite und innige Zustimmung vom Publikum.

Copyright Bernd Uhlig

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