Matthäuspassion zur österlichen Einstimmung aus Erl

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Sehr feierlich und dem österlichen Anlaß entsprechend ist die Übertragung aus dem Tiroler Festspielhaus Erl gestaltet. Wieder bleiben die Zuschauerreihen leer. In seiner Reihe „wir spielen für Österreich“ unterstützt der österreichische Rundfunk das pandemiegeschädigte Kulturleben in der Alpenrepublik, setzt Impulse und sichert Künstlern Auftritte und Einnahmen.

Zur Aufführung kommt eines der größten Werke Johann Sebastian Bachs und dessen feierlichste Schöpfung „Die Matthäuspassion“ BWV 240. Das Oratorium über die Leidensgeschichte Jesu und dessen Tod am Kreuz nach dem Evangelium nach Matthäus wurde 1727 in Leipzig uraufgeführt. Erst die Wiederentdeckung und Bearbeitung durch Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 brachte das großangelegte Werk in die Aufführungspraxis zurück. Die Besetzung mit mehreren Solisten, zwei Orchestern und zwei Chören stellt eine große Herausforderung in der Umsetzung dar.

Dieser stellt sich in Erl der junge deutsche Dirigent Thomas Guggeis, der mit seinem kurzfristigen hochgelobten Einspringen für Christoph von Dohnanyi bei der Neuproduktion von Richard Strauss Salome an der Staatsoper unter den Linden internationale Aufmerksamkeit auf sich zog. Von der Staatskapelle Berlin wurde der 26 Jährige mittlerweile auch zum Staatskapellmeister ernannt. Er studierte Dirigieren in München und Mailand und belegte Meisterkurse bei Gian Carlo Noseda und Vladimir Jurowski.  

Bisher konnte noch nicht erforscht werden, inwieweit Bach für die Aufführung zwei getrennte Räumlichkeiten vorgesehen hatte, hier in Erl nehmen die zahlreichen Mitwirkenden mit vorgeschriebenem Abstand auf der Bühne und dem abgedeckten Orchestergraben Platz. Die Herren im Frack, die Damen in dunklen gedeckten Farben. Die Wiltener Sängerknaben stechen als Farbtupfer mit ihren roten Westen hervor.

Die Besetzung der Matthäus Passion besteht neben Solostimmen für Arien und Rezitative auch aus mehreren Solopartien wie den Evangelisten (Tenor), Jesus (Bass), Simon Petrus und Judas (jeweils Bass).  Das monumentale Werk bewirkt verstärkt seine erzählerische Ausdrucksform durch den Dialog der beiden Chöre sowie der Gesangstimmen. Die volle Wucht der Besetzung kommt durch den großangelegten Eingangs- und Schlußchor zum Ausdruck. Zentral ist der Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ der mehrmals erklingt. Getragen wird die Erzählform durch die Secco Rezitative des Evangelisten, der den biblischen Text nahezu wortgetreu wiedergibt und nur vom basso continuo begleitet wird. Instrumental begleitete „Accompagnato“ Rezitative sowie Arien bilden musikalische Höhepunkte, die durch Chorszenen an Dramatik gewinnen.

Michael Porter gelingt eine ausdruckstarke Umsetzung der Rolle des Evangelisten. Mit seinem hellen, höhensicheren Tenor artikuliert er klar und gut verständlich die Bibeltexte. Ruhig und gefasst neutral führen seine Ausführungen unaufhaltsam zur Tragödie. Domen Križaj leihJesus seine Bassstimme, erreicht aber nicht die zentrale Wirkung seiner Rolle. Zu sehr hängt er an der Artikulation, um auch darstellerische Aussagekraft und Emotionen zu erwirken. Es fehlt ihm die Leichtigkeit und der Fluß für den oratorienhaften Charakter der Partie. Klangschön, rein und frisch wirkt der Sopran von Florina Ilie. Mit sicherer Legatotechnik führt sie die lang gedehnten Stimmbögen aus. Patrik Reiter singt mit Inbrunst. Sein Tenor zeigt im Legato leichte Unsicherheitenund wird in der Tiefe unverständlich. Die Kroatin Nina Tarandek ist eine versierte Mezzosopranistin, die hier die Qualitäten ihrer Stimme zeigt, nuancen- und farbenreich gestaltet und sicher die anspruchsvolle Partie auch wortverständlich meistert. Frederic Jost ist ein vollmundiger verläßlicherBass, der den unterschiedlichen Charakter der verschiedenen Rollen farblich abstimmen kann.

Der Chor der KlangVerwaltung wurde von der Chorleitung Jörn Andresen bestens einstudiert. Die vielschichtigen Nuancen der Szenen wurden herausgearbeitet, lupenrein hören sich die Piani an. Die Einsätze sind sicher und fein abgestimmt. Die Intonation und Färbung der Vokale sowie die Fermate vorbereitet. Johannes Stecher hat die Wiltener Sängerknaben ebensogewissenhaft und fundiert vorbereitet. Gut passen die Klangkörper in ihren Einsätzen zusammen.

Alle Fäden hält Thomas Guggeis am Pult desOrchesters der Tiroler Festspiele Erl souverän und ruhig zusammen. Die Hände meist erhoben zeigt er seine Einsätze allen gut sichtbar an, seine Ohren und Augen sind bei allen. Seine Tempi sind wohlüberlegt gewählt, wirken nicht gehetzt aber halten den Spannungsbogen. Die verschiedenen Soli der Instrumentalisten begleiten die Gesangssolisten einfühlsam und gut eingespielt.  Eine eindrucksvolle überzeugende Interpretation dieses gerade zur Osterzeit sehr verbreiteten Werkes. Nachdem der letzte Ton verklingt bleibt eine tiefe Rührung und die Einstimmung auf die Festtage ist perfekt gelungen. Von der Kameraführung hätte man sich mehr Einfälle gewünscht, um die Stimmung und Emotion des Werkes auch am Bildschirm mit dem Auge erleben zu können. Die Einstellungen waren auf wenige sich ständig wiederholende Blickwinkel beschränkt.

Die Aufführung ist noch in der Mediathek des ORF zu erleben.

Dr. Helmut Pitsch

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