Manaus Eine würdige Neufassung der Tudor-Oper in Brasilien

Xl_manaus_anna_bolena © Klaus BIlland

MANAUS/Teatro Amazonas: ANNA BOLENA am 20. Mai 2023

Eine würdige Neufassung der Tudor-Oper in Brasilien

Nach der brasilianischen Oper „O Contractador dos Diamantes“ von Francisco Mignone und „Peter Grimes” von Benjamin Britten zeigte das 25. Amazonas Opernfestival (FAO)in der Woche des 16. Jahres-Meetings des lateinamerikanischen Opern-Dachverbandes Ópera Latinoamérica (OLA) eine Neuinszenierung der „Anna Bolena“ von G. Donizetti in der Regie des wohl besten und meistbeschäftigten brasilianischen Opernregisseurs André Heller-Lopes. Er hat des Öfteren auch in Europa inszeniert, nicht zuletzt eine vortreffliche „Tosca“ am Landestheater Salzburg. Es ist kaum zu glauben, aber „Anna Bolena“ wurde zum letzten Mal in Brasilien um 1840 aufgeführt, in Rio de Janeiro, also etwa 10 Jahre nach der Uraufführung. So war es nicht nur an der Zeit, eine Neuinszenierung zu wagen. Es gab auch noch einen ganz anderen und vielleicht noch interessanteren Grund dafür. In das Jahr 2023 fällt der 100. Geburtstag von Maria Callas, der großen Diva und Primadonna, die Maßstäbe als Anna Bolena setzte und natürlich nicht nur für diese. Das war der Grund, das Stück gerade in diesem Jahr auf das Programm des FAO zu setzen.

Und es war auch das Hauptmotiv des Regisseurs Heller-Lopes für sein Regiekonzept, denn er assoziierte das Dreiecksverhältnis des Tudor-Dramas, also von Anna Bolena, Heinrich VIII. und Johanna Seymour mit dem von Maria Callas, Aristoteles Onassis und Jackie Kennedy - eine Assoziation, auf die man erst mal kommen muss, die aber durchaus Interessantes und operntheatralisch Relevantes enthält. Dabei liegt der Schwerpunkt natürlich auf dem Wirken und den Meriten der Callas, von der Heller-Lopes Folgendes sagt: „Maria rettete Werke, Stile, überschritt Grenzen, war La Callas und Maria, Königin und Frau, stieg auf und fiel, liebte und wurde verraten, starb allein und wurde unsterblich.“ Und so hat die Geschichte von Anna Boleyn und Maria Callas für ihn eine bemerkenswerte Analogie, die zu der Parallelität der beiden Personendreiecke in der Inszenierung führt. Dabei spielt es keine Rolle, dass jeweils von ganz anderen geschichtlichen Zeiten die Rede ist. Es ist eine rein künstlerische zeitübergreifende Assoziation, die gleichwohl mit diversen konkreten Momenten aus dem Leben der sechs Protagonisten spielt. „Classic with a Twist“ nennt Heller-Lopes das.

So geht es gleich zur Ouverture - von Maestro Marcelo De Jesus mit der Filarmónica Amazonasmit einer enormen Intensität und Dynamik gespielt - mit Fotosequenzen aus dem Leben der Callas, von Onassis und Jackie Kennedy los. Damit ist der Rahmen gesetzt und macht auch verständlich, warum der 1. Akt überwiegend in der Mailänder Scala spielt, wo die Callas als Anna Bolena und mit anderen Partien in den 1950er Jahren große Erfolge feierte. Bühnenbildner Renato Theobaldo deutet dies im Licht von Fábio Retti mit Theatervorhängen an, die die weltbekannten goldenen Ränge der Scala zeigen, aber nicht immer in einer wünschenswerten Form zu hängen kommen. Das Bühnenbild und die Aktion werden weit besser im 2. Akt, als es auch um die Rolle von Heinrich VIII. geht und seine Interaktion mit Anna Bolena und Johanna Seymour. Hier findet die Kostümbildnerin Melissa Màia ein breites Betätigungsfeld, in dem sie auf äußerst phantasie- und geschmackvolle Art und Weise mit hohem Wiedererkennungsgrad sowohl der Callas mit ihren Kostümen auf der damaligen Opernbühne als auch von Jackie Kennedy als Johanna Seymour in den Kleidern zeigt, die diese einst bevorzugt trug. Nur Heinrich VIII. fällt aus diesem Rahmen, denn er kommt in der klassischen Henry VIII-Robe daher, lässt also optisch jede Nähe zu Aristoteles Onassis vermissen, was aber wohl durch sein Verhalten „aufgewogen“ wird.

Tatiana Carlos singt eine extrovertierte Anna Bolena mit einem Sopran, der doch zu einem erheblichen Vibrato neigt und der Stimme eine gewisse Schärfe verleiht, auch wenn die Bruststimme gut sitzt. Aber die gellenden Spitzentöne, meist aufgesetzt, sind dann doch für einen als homogen zu bezeichnenden Belcanto-Gesang des Guten zu viel. Im Gegensatz dazu besticht Luisa Francesconi als Johanna Seymour mit einem exzellent geführten und in allen Lagen bestens ansprechenden klangvollen Mezzo und wirkt auch in der Rollengestaltung sehr überzeugend. Das ist auch von Sávio Sperandio als Heinrich VIII. sagen, der mit seinem profunden Bass, wie schon am Abend zuvor als Swallow in „Peter Grimes“, der starken Figur des egomanischen Herrschers in all ihren Facetten beeindruckend Ausdruck verleiht. Francisco Brito überrascht als Percy mit einem schönen, gelegentlich etwas zu fest sitzenden lyrischen Tenor und guter Ausstrahlung. Juliana Tainosingt den Smeton mit einem lyrisch akzentuierten klangschönen Mezzo, und Murilo Neves verleiht Lord Rochefort seinen geschmeidigen Bass. Wilken Silveira überzeugt tenoral als Hervey.

Ein ganz großes Lob gebührt aber Marcelo de Jesus, der schon über 20 Jahre beim Amazonas Opernfestival dirigiert und offenbar in seinem Können und in der Souveränität am Pult in all den Jahren sehr gewachsen ist. Nachdem schon die Ouverture vielversrechend gelang, behielt er im Laufe des Abends eine große musikalische Spannung über das Geschehen aufrecht und hatte stets besten Kontakt zu den Sängern, aber auch mit dem Coral do Amazonas, dem Amazonas-Chor, der nach den Strapazen mit „Peter Grimes“ auch in der „Anna Bolena“ noch eine sehr gute Leistung brachte.

„Anna Bolena“ hat damit nach etwa 180 (!) Jahren in Brasilien sowohl szenisch wie musikalisch ausgerechnet am Amazonas eine würdige Wiederbelebung erlebt. Die Produktion sollte an andere Häuser des Landes gehen, vielleicht auch ins Ausland. 

Dr. Klaus Billand

 

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