Linz Der Prophet dem die Stimme versagte

Xl_f8f57e56-b051-4e50-affe-cd9a8ef6734d Er war eine Lichtgestalt der Opernwelt. 1791 als Jakob Liebmann Meyer Beer in eine reiche deutsche jüdische Bankiersfamilie geboren, erhielt er in Berlin, Wien (u.a. bei Antonio Salieri) und Italien seine musikalische Ausbildung. Er eroberte ganz Paris mit seinen Werken. Selbst das politische Leben stand still, wenn seine Opern Premieren hatten. Richard Wagner zog es nach Paris, um mit seinem Landsmann um die Vorherrschaft in der Opernkomposition zu kämpfen, musste aber klein beigeben und den grossherzigen und höflichen Meyerbeer kläglich um finanzielle und gesellschaftliche Hilfe bitten. Dafür bedankte er sich polemisch mit seinen antijüdischen Schriften. Vermutlich waren es gerade diese Angriffe, diese immer wieder auch in Gewalt ausufernden Verfolgungen seines Volkes, die den Juden Giacomo Meyerbeer zur Vertonung dieses aussergewöhnlichen geschichtlichen Stoffes über die kurze, kaum bekannte brutale unmenschliche Herrschaft der Wiedertäufer im Namen Gottes in den Jahren 1533 und 1534 in Münster inspirierte. In der Reformation entstand die Glaubensgemeinschaft der Täufer neben der lutherischen und verbreitete sich rasch in Deutschland. Bis heute wird das Gedankengut der Täufer in Splittergruppen wie den Mennoniten oder Amish weiltweit gepflegt und zählt zu den stärksten wachsenden katholischen Glaubensgemeinschaften. Der Hintergrund der Oper und verschiedener handelnder Personen ist historisch belegt. Mathisen war Jan Matthys, der den Wirt und Meistersinger Jan van Leiden, Jean, in Leiden taufte und zum Glauben der Täufer bekehrte. Johann folgte Matthys nach Münster. Nach dem Tod von Matthys rief sich Jan van Leiden zum König Johann I aus und errichtete das Königreich Zion. Mit seinen Gefolgsleuten übte er eine brutale Schreckensherrschaft aus. Hinrichtungen, Vielweiberei, Bücherverbrennungen waren an der Tagesordnung und der Wohlstand erstickte als die Geldwirtschaft abgeschafft wurde. Mit der Rückeroberung der Stadt durch ein kaiserliches Heer unter der Führung des Grafen von Waldeck endete die Schreckensherrschaft. Parallelen zur Jetztzeit gibt es viele in dieser historischen Vorlage. Intelligent und mit viel Gespür nutzt der Regisseur dieser Neuinszenierung Alexander von Pfeil diese zu Terrorregimen wie wir sie zur Zeit in Form des IS, der Boko Haram oder Al Quaida täglich in Bildern erleben. Mit einer grossen runden Industriehalle mit Fensterwänden und Stahlkonstruktion im Dach kreiert Piero Vinciguerra den passenden modern anmutenden Bühnenraum. Zwei grosse verschiebbare asymmetrische Podeste werden immer zur Verkleinerung der szenischen Handlung auf der grossen Bühne genutzt. Mit einer lauten bedrohlichen Geräuschkulisse von kreisenden Kampfhubschraubern und Gewehrsalven oder Bombeneinschlägen versetzt er das Publikum im abgedunkelten Saal während der Pausen zwischen den Akten in spürbaren Kriegs- und Belagerungszustand. Die Anführer des Terrorregimes und ihre Häscher leben mit wenig Inventar, das aus den Ruinen bunt zusammengewürfelt ist. Decken und Tücher werden zu provisorischen Zelten. Moder, Gewalt und lasziver Genuss herrschen auf der Bühne vor, aber werden nie abstossend übertrieben. Hinrichtungen und Vergewaltigungen werden angedeutet, Waffen und schussichere Jacken gehören zur Ausrüstung einiger Statisten. An Personen wird für die Massenszenen nicht gespart. Über 100 Mitwirkende und über 400 Kostüme wurden gefertigt. Aber von Pfeil weiss mit den vielen Personen umzugehen und mit einer gut ausgedachten Personenregie wird es in den über drei einhalb Stunden dauernden Monumentalwerk nie langweilig. Packend und überzeugend echt wird das Lagerleben und das Handeln der Terroristen auf die Bühne gebracht, aber der Handlungsablauf und das konfliktreiche komplexe Beziehungsgeflecht der Hauptdarsteller markant herausgearbeitet. Jean liebt Berthe, muss diese aber dem Feudalherren Oberthal ausliefern, um seine Mutter Fides zu retten. Um sich zu rächen, schliesst er sich den Täufern unter Führung von Mathison an, wird deren Führer und Prophet. Um seine ideologische Abstammung von Gott zu sichern, verleugnet er seine Mutter. Reumütig sucht er bei Fides und Berthe um Vergebung. Als letzten Akt seiner Herrschaft vernichtet er sich und seine verräterischen Mitstreiter sowie die Eroberer durch die Explosion eines geheimen Waffenverstecks. Musikalisch wird diese Tragödie durch eine frische, melodienreiche Musik mit wenig dramatischer Übersteuerung von Giacomo Meyerbeer gezeichnet. Markus Poschner, seit 2018 Generalmusikdirektor in Linz, badet mit Genuss in dieser Klangvielfalt. Mächtig zackig lässt er immer wieder die Bläser zu Aufmärschen ansetzen. Das Schlagzeug darf ausgiebig und lautstark um Aufmerksamkeit trommeln. Die Musiker des Brucknerorchesters Linz sind gefordert, das vorgegebene Tempo zu halten, sauber aufzuspielen und dabei um Nuancen zu ringen. Bestens vorbereitet gelingt es überzeugend schwungvoll und sicher. Die Streicher folgen in romantischen Farben gefühlvoll den Stimmungen. Zum ersten Mal ist Markus Poschner mit einem Werk von Meyerbeer konfrontiert und zeigt eine klare einfühlsame Deutung. Den ebenso geforderten Sängern gibt er Raum und klare Einsätze. Auch für Jeffrey Hartmann ist die Titelrolle des Jean de Leyde ein Rollendebüt in dieser selten gespielten Oper. Entschlossen und angriffslustig stellt er sich den Anforderungen. Immer wieder gelingen in den ersten beiden Akten ausfüllende weich anmutende romantische Klangbögen und Legati, aber zunehmend werden seine stimmlichen Defizite hörbar und erkennbar, immer mehr tritt er sängerisch in den Hintergrund und phrasiert ansatzweise seine Melodien. Dem Propheten hat ob seiner Grausamkeiten die Stimme verlassen, eine göttliche Strafe zu früh für das Premierenpublikum. Die zahlreichen weiteren Rollen wurden erfreulich ausschliesslich mit bestens disponierten und vorbereiteten Linzer Ensemblemitgliedern besetzt. Dominik Nekel als Zacharie hält mit seinem Bass stimmsicher dagegen und führt auch mit darstellerischem Geschick die Täufergefolgschaft an. Matthäus Schmidlechner spielt einen coolen Jonas mit Hippieavancen, Adam Kim einen Mathisen mit lässigen Haarschopf. Den ebenso verruchten und gewaltätigen Gegenspieler zu den Täufern Graf von Oberthal verkörpert Martin Achrainer. Zurecht erhält Katherine Lerner als rührende Mutter Fides den meisten Applaus für eine berührende gesangliche Interpretation. Ihr Mezzosopran bietet eine besondere Vielfalt. Eine spröde Kraft für eine keifende Dramatik, eine weiche Schärfe in heroischen Sprüngen sowie eine warme Fülle für gefühlvollen Ariengesang. Sie nutzt die Nuancen von Stimme und Rolle und bleibt dabei auch im Spiel präsent. Brigitte Geller meistert problemlos die schwierige Rolle der Berthe. Ihre Sopranstimme zeigt Züge von Lyrik und viel Dramatik. Besonders hervorzuheben der Einsatz und die ausgezeichnete Leistung des Chor und Extrachores des Landestheater Linz, inklusive Kinderchor. Obwohl die zahlreichen Opern Giacomo Meyerbeers grosse Erfolge waren und den Musiker zu einem reichen Mann machten, gerieten diese Ende des 19.Jahrhunderts zunehmend in Vergessenheit und finden nur zögerlich ihren Weg zurück auf die Spielpläne der Opernhäuser. Zu Unrecht wie diese gelungene Wiederbelebung am Landestheater in Linz und die begeisterte Aufnahme des Publikums zeigt. | Drucken

Mehr

Kommentare

Loading