© Markus Tordik
Alexander Boridin Fürst Igor Gärtnerplatztheater München 26.2.2026
Leben und Werk Borodins auf der Bühne verknüpft am Gärtnerplatz
Welche Geschichte schart sich um eine der populärsten russischen Opern, dem Fürst Igor von Alexander Borodin. 1833 geboren promovierte Borodin in Medizin, erhielt eine Professur für organische Chemie und arbeitete als Wissenschaftler. Aber sein Herz schlug auch für die Musik. Er studierte Kontrapunktik und Harmonielehre, heiratete eine Pianistin und wurde Mitglied der Künstlergruppe die „Novatoren“.
Als Freizeitkomponist machte er sich 1869 an die Arbeit, das russische Epos Fürst Igor aus dem 12. Jahrhundert zu vertonen. Auch das Libretto schuf er selbst. Von seinen Künstlerfreunden Nicolai Rimski Korsakov und Alexander Glasunow wurde er über 20 Jahre zur Arbeit am Werk bis zu seinem Tod 1887 angehalten und unterstützt. Borodin hinterließ acht vollständige Nummern, eine Vielzahl von Skizzen und Fragmenten. Die beiden Freunde machten daraus das nun gespielte Opus. Besonders Alexander Glasunow prägte mit der Ouvertüre und dem dritten Akte aus den Vorlagen und eigenen Mitschriften die Arbeit.
Roland Schwab, der Regisseur der Neuinszenierung am Münchner Gärtnerplatztheater verbindet diese außergewöhnliche Geschichte der Entstehung mit der Deutung des Werkes selbst. So erleben wir zur Ouvertüre einen häuslichen Blick in Borodins St Petersburger Palais. Der Gastgeber sitzt am Klavier über den Notenblättern, Rimski Korsakov und Glasunow erscheinen und drängen ihn zur Arbeit. Diese wird dann doch durch eine Unterrichtsstunde junger Studentinnen in einem Labor unterbrochen. Zum Ende erscheinen Fürst Igor und seine Mannen in Harnisch mit Säbel und steigen aufs Klavier. So läuft der gesamte Abend in zwei Ebenen, die historische Saga über den erfolglosen Feldzug Fürst Igors gegen die wilden Polowetzer, seine Gefangenschaft und Rückkehr auf der einen und Borodin Schöpfungsprozess wie ein Traum im dunkel getäfelten Salon auf der anderen.
Piero Vinciguerra versteht auf der Bühne, diese beiden Ebenen geschickt zu verbinden. Zum Feldzug öffnet sich die Rückwand und gibt den Blick auf eine sonnendurchflutete Steppe frei. Die bekannten, und oft als Zugabe in Konzerten gespielten, "Polowetzer Tänze" fließen harmonisch in die Handlung ein, die Choreografie von Karl Alfred Schreiner konzentriert sich auf akrobatische Verrenkungen, die Tänzer wirken wie Bewegungsartisten ohne Grenzen. Milde übt ihr Führer gegenüber dem Gefangenen Fürst Igor und dessen Sohn, der sich in die Tochter des Khan verliebt hat.Inmitten des exotischen Hoflebens stirbt Alexander Borodin, fast wie im wirklichen Leben während eines Maskenballs.
Orgiastisch deftig ist das Gelage am heimatlichen Hof Fürst Igors während dessen Feldzug und Gefangenschaft. Sein Schwager Fürst Galitzky führt ein exzessives Partyleben mit seinem Hof, sehr zum Leidwessen der um ihren Mann trauernden Fürstin und deren Hofdamen. Die Qualen haben mit dem Angriff und der Zerstörung durch die Polowetzer ein Ende. Fürst Igor kehrt verwundet in seinen nun demolierten Palast zurück, bleibt aber wehrhaft streitbar.
Als zusätzlichen Einfall der Regie werden historische Hintergründe auf dem geschlossenen Bühnenvorhang projeziert wie auch Zitate vom russischen Angeiffskrieg betroffener Ukrainer. Als Schlussbild wird Borodins Klavierlied „Für die Ufer deiner fernen Heimat“ auf ein Gedicht von Alexander Puschkin vorgetragen.
Es gelingt Schwab und seinem Team, die Vielfalt des Geschehen zumeist gut trennbar gemeinsam auf der Bühne ablaufen zu lassen. Immer wieder wird auf intime Szenen fokussiert, die Stimmungen und Farben der Partitur optisch übertragen. Die für russische Opern typischen Chorszenen werden wirkungsvoll integriert, zumal die gesangliche Ausdruckskraft des Chores und Extrachores des Staatstheaters am Gärtnerplatz besonders hervorzuheben ist.
Auch musikalisch gelingt dem Orchester des Staatstheaters unter der Ruben Dubrovsky eine stimmige Darbietung mit viel Einfühlungsvermögen in eine russische Prägung. Borodins Musik ist ansprechend romantisch fließend. Die Rezitative sind ausgeschmückt und gehen in episch breite Arien über. Die Melodik ist im Duktus lyrisch ausgekleidet.
Im Sängerensemble ist es gelungen sehr ausgewogen zu besetzen, auch viel bekannte Gesichter aus dem Ensemble des Hauses sind danei. Matija Meic ist ein melancholischer weniger heldenhafter Fürst Igor. Sein warmer Bariton füllt sein Leid aus, die Kraft seiner Stimme kann er nuanciert als Stilmittel einsetzen. Seine Frau Jaroslawa wird von Oksana Sekerina mit viel Dramatik und immer wieder unreinen Tönen als verzagende, hoffnungsvoll Wartende umgesetzt. Arthur Espiritu erfreut mit einem gut geführten und sicher sitzenden Tenor als deren Sohn Wladimir. Monika Jägerova Ist seine angebete Geliebte Kontschakowna, Tochter des Khan und Führer der Poliwetzer. Fülle und eine matte Dunkelheit verleihen Ihrer Stimme eine reizvolle Mystik. Levante Pall Ist ein solider würdevoller Khan Kontschak, der als siegreicher Führer der Milde übt. Dem steht ein umso herrsch- und sexsüchtigee Fürst Galitzky gegenüber. Timos Sirlantzis gelingt ein süffisanter durchtriebener Parvenue. Seine Exzesse wirken echt.
Mit dieser Neuinszenierung bringt das Gärtnerplatztheater ein selten gespieltes aber doch ansprechendes Werk auf die Bühne. Auch wenn die wahre Handlung verfremdet ist und nicht wirklich durchdringt, ist der Abend schlüssig und bildet über das Leben des Komponisten.
Dr. Helmut Pitsch
27. Februar 2026 | Drucken
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