„Le Vin Herbé“ Tristan Fortsetzung im Heckentheater Hannover

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HANNOVER/Herrenhäuser Gärten

LE VIN HERBÉ - DER ZAUBERTRANK -
Premiere am 19. Juni 2020 

Das weltliche Oratorium „Le vin herbé“ - „Der Zaubertrank“ - von Frank Martin im Herrenhäuser Heckentheater Die Staatsoper Hannover war der Corona-bedingten Pause überdrüssig und kam wieder einmal in die Herrenhäuser Gärten, die das älteste Heckentheater in der Gartengeschichte beherbergen. Die Verbindung zwischen der ursprünglichen Schlossoper und den Gärten währt schon seit 330 Jahren (!) - sogar beide Grundrisse ähneln sich sehr. Nach der Unbespielbarkeit der Oper infolge des 2. Weltkriegs waren die Gärten 1945 Ausweichspielstätte und somit der kulturelle Mittelpunkt Hannovers. Opern wurden allerdings immer nur im Galeriegebäude aufgeführt. Im Rahmen der an diesem Abend beginnenden „Summer Session 2020“ werden laut Ankündigung der Intendanz bis zum 12. Juli „Oper, Ballett und Konzerte“ in den Gärten aufgeführt.

Die Premiere bildete das weltliche Oratorium des Schweizer Komponisten Frank Martin „Le vin herbé“, für welches er Auszüge aus Joseph Bédiers‘ französischer Übersetzung und Rekonstruktion des Tristan-Stoffes in seinem Roman de Tristan et Iseut von 1900 vertonte. Es ist die altbekannte keltische Geschichte um den Liebestrank zwischen Tristan und Isolde, der die beiden letztlich ins Unglück führt, mit einigen Figuren, die bei Richard Wagner fehlen. Das Oratorium wurde 1942 konzertant in der Tonhalle Zürich uraufgeführt, und die erste szenische Aufführung fand unter Ferenc Fricsay bei den Salzburger Festspielen 1948 statt. In der Gartengalerie Hannover erlebte das Werk 1965 seine Hannoversche Erstaufführung. Frank Martin, neben Arthur Honegger wohl der bedeutendste schweizerische Komponist des 20. Jahrhunderts, bezeichnete sein Stück ausdrücklich als „weltliches Oratorium“ (Originaltitel: „Oratorio profane“), als das es mit seinen 12 Sängern, sieben Streichinstrumenten und einem Klavier, der szenischen Aufführungsform sowie einem Prolog und Epilog auch erscheint. Umso verwunderlicher war, dass die Presseaussendung von der erstmaligen Aufführung einer Oper im Gartentheater spricht und die Intendantin in ihrem Vorwort an das Publikum u.a. Frank Martin als unbekannten Komponisten bezeichnete und einen Bezug zu einer Ballett-Bearbeitung des Tristan-Stoffes von Boris Blacher herstellte, die wohl bedeutendere Bearbeitung des Stoffes durch Richard Wagner aber völlig unerwähnt ließ.

Der künftige Hannoverische GMD Stephan Zilias leitete die Aufführung mit Solisten des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover (Zwei Violinen, zwei Violas, zwei Celli, ein Kontrabass und ein Klavier). Wolfgang Nägele führte mit dramaturgischer Unterstützung durch Regine Palmai Regie und gestaltete das zeitlose Werk in seiner ganzen Traurigkeit - „eine Legende von Sehnsucht, Schuld und Tod, eine der tiefsten, berührendsten und traurigsten Beziehungsgeschichten“, wie Palmai im Programmheft passend schreibt. In überwiegend schwarzen Gewändern, die Herren mit Zylinder (Kostüme Irina Spreckelmeyer), erleben wir auf der Bühne von Marvin Ott und mit der behutsam geführten Lichtregie von Susanne Reinhardt eine bewegungsarm gehaltene Dramaturgie, wodurch die Charaktere mit ihren meist oratorienhaft gesungenen Aussagen umso stärker hervortreten.

Die Partitur beruht auf Schönbergs Zwölftonlinien mit einer nach meinem Empfinden starken tonalen Basis, die sich immer wieder durchsetzt, zumal die geringe Zahl der Instrumente kaum farbliche Differenzierung erlaubt. Der Gesang stand immer im Vordergrund. Der Tenor Rodrigo Porras Garulo meisterte die besonders mit einem langen und dramatischen Monolog anspruchsvolle Rolle des Tristan eindrucksvoll. Nikki Treurniet war eine ansprechende „blonde“ Isolde mit leichtem Sopran. Der Bariton Germán Olvera (laut Programm „Erster Bass“), gab einen überzeugenden Marke. Des Weiteren traten auf: Nina van Essen als ausdrucksstarke Brangäne, Anna-Doris Capitelli als relativ unauffällige Isolde die Weißhändige, die Tristan bei Bédier heiratet, als er die Hoffnung auf Isolde aufgegeben hat und die sich, als sie von seiner großen Liebe zu Isolde erfährt, an ihm rächt, indem sie ihn über Isoldes Rückkehr kurz vor deinem Tode täuscht. Monika Walerowicz hatte zu Beginn einen kurzen Auftritt als Isoldes Mutter mit schönem Mezzo. In weiteren Nebenrollen: Clara Nadesdin, Weronika Rabek, Philipp Kapeller, James Newby, Richard Walshe und Daniel Eggert. Insgesamt ein guter Start der „Summer Sessions“ in Hannover, wenngleich die Microport-Übertragung verbesserungsbedürftig erscheint.

Klaus Billand

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