Krol Roger modern opulent musikalisch reizvoll in Cottbus

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Karol Szymanowski Krol Roger Staatstheater Cottbus Premiere am 14.5.2022

Besuch am 19.5.2022

Krol Roger modern opulent musikalisch reizvoll in Cottbus

Die stolzen Bürger der durch Textilindustrie reichen Stadt Cottbus ermöglichten den Bau des Theaters im reinsten secessionistischen Jugendstils 1905. In nur bemerkwerten 16 Monaten Bauzeit unter der Führung des Berliner Architekten Bernhard Sehring entstand das architektonische Juwel, dessen Sprengung 1945 wiederum durch die Bürger der Stadt verhindert wurde. So kann der Besucher heute reinsten Jugendstil in jedem Detail, vom Eingang bis zur Bühne in verliebter Verspieltheit erleben.

Das Ambiente passt wie ein geplanter Teil zur Neuinszenierung der märchenhaften Oper Krol Roger / König Roger des Polen Karol Szymanowski. Der Komponist arbeitete auch am Libretto seiner 1926 uraufgeführten dreiaktigen Oper mit. Auf ausgedehnten Reisen lernte der universal gebildete, 1882 in der heutigen Ukraine geborene adelige Spross die Antike und deren Mythologie sowie die Geschichte, Kunst und Kultur des Mittelmeerraumes kennen.

Diese Eindrücke inspirierten zur Handlung seines bedeutendsten Werkes, der Oper Krol Roger, basierend auf der historischen Persönlichkeit Königs Roger II, der im 12. Jahrhundert das Königreich Sizilien zur Blüte brachte. Als absolutistisch sakral regierender König glich er eher einem römischen Kaiser als den zeitgenössischen Herrschern. Als Förderer der Künste löste er die Wiederentdeckung der Antike aus und verband die dominant arabisch islamistische kulturelle Vorherrschaft in seiner Heimat mit der aufstrebenden christlich europäischen. Während der Kreuzzüge konnte er seine Herrschaft bis nach Nordafrika erweitern und ausgedehnter Handel machte ihn zum reichsten Herrscher seiner Zeit und Sizilien mit seiner Hauptstadt Palermo zum kulturellen Zentrum.

In der Oper trifft König Roger auf einen schönen jungen Hirten, der mit seinen charismatischen Predigten von reiner Liebe und vollkommener Freiheit viele Anhänger im Reich des Königs gewinnt, so auch dessen Frau Roxane. In der Zusammenkunft mit dem Hirten wird auch er von dessen Schönheit und Ausstrahlung gefangen, kann sich aber an dessen Verfall noch verweigern. Magisch angezogen sucht er den Hirten im letzten Akt. Dieser erscheint als Dionysos auf dem Weg zu den Göttern, Roger huldigt erlöst dem Sonnenkult.

Der junge deutsch japanische Regisseur Tomo Sugao liefert mit der üppigen Inszenierung dieser Choroper seine erste Arbeit für das Staatstheater Cottbus. In schrill bunten aufwendigen Köstümem von Carola Volles versammeln sich die Bewohner Palermos. Die mit beweglichen Elementen golden ausgekleideten Bühnenwände von Julia Katharina Berndt bilden die Schauplätze der Oper, Dies sind eine Kirche, der Palast und die Ruinen eines griechischen Tempels. König Roger trägt einen eleganten grünen Anzug mit goldenen Dekor und Umhang, der arabische Gelehrte am Hof Edrisi - ebenfalls eine historische Persönlichkeit- dasselbe Modell in Blau. Der Hirte steigt aus dem Untergrund begleitet von 4 Tänzer und Tänzerinnen in luftigen reinem weißem Gewande empor. Zu Beginn singt der Kinderchor von der Proszeniumsloge. Am Ende erscheinen einzelne Kinder wie die Erlöser und Erneuerer aus dem Untergrund.

Farbig, lebendig und detailverhaftet ist diese Inszenierung aber die intellektuelle politisch religiöse Botschaft des Werkes vermittelt der Regisseur nicht. Den Konflikt und die angeprangerten Gegensätzlichkeiten, sowie die emotionale Kraft des Werkes wird im Regiekonzept nicht herausgearbeitet.

Karol Szymanowski steht für die Erneuerung der polnischen Musik. Er folgt dem laufenden musikalischem Aufbruch in Europa. Dem französischen Impressionismus, wie dem spätromantischen neudeutschen Stils Richard Wagners und Richard Strauss bis zum Expressionis und der Moderne. Arabische Klänge und das Liedgut seiner Heimat finden ebenso Eingang in seine schillernde farbenreiche Klangwelt. Der musikalische Leiter des Staatstheater Cottbus Alexander Merzyn öffnet diese musikalische Vielfalt gekonnt und subtil mit dem philharmonischem Orchester und dem Kinder- und Opernchor des Staststheaters, bestens von Christian Möbius vorbereitet. Zwei Harfinistinnen nehmen aus Platzgründen auf der linken und ein Klavierspieler auf der rechten Bühnenseite Platz. Vollmundiger zumeist impressionistischer Klang füllt den Raum, immer wieder begleiten Instrumentensoli die Sänger.

Gesungen wird in polnischer Originalsprache, die Stimmführung ist cantabel, melodiös an Rezitative angelehnt. Ariöse Anklänge schmücken einzelne Rollenauftritte. Ensemblemitglied Nils Stäfe überzeugt in der Titelrolle. Sein Bariton hat ausreichend Höhe und Flexibilität, um die Fassetten der Rolle als Herrscher, jugendlicher Phantast und emotional Gepeinigter auszudrücken. Uwe Stickert markiert mit seiner kräftigen höhensicheren Tenorstimme einen kämpferisch predigenden Hirten. Er verstärkt als Gast die Ensemblemitglieder. Ketevan Chuntishvili singt mit klarer leicht dunkel gefärbter Stimme die Herrscherin Roxane, die für den Hirten kömpft und engelsgleich dessen Botschafterin wird. Alexey Sayapin ist ein ruhender Beobachter am Hof und treuer Wegbegleiter des Königs als dessen Gelehrter Edrisi. Sein Tenor liegt tief und mit dunklem Timbre verleiht er der Rolle Würde und Weisheit wie auch Resignation vor der Kraft des Übermenschlichen. Ulrich Schreiber als Bischof und Marta Mika im rosafarbenen Tüllkleid als Äbtissin vervollständigen die ausgezeichnete Ensembleleistung. Viel Beifall vom leider spätlich anwesenden Publikum für die gelungene Umsetzung dieses zu selten und unterschätzten Werkes.

Dr. Helmut Pitsch

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