Kleine Oper Märstetten bietet barockes intimes Opernerlebnis

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Märstetten ist bisher sicherlich nur wenigen Musikfreunden bekannt. Ein kleiner Ort im Norden der deutschsprachigen Schweiz nahe zum Bodensee und Konstanz. Eine Bilderbuchlandschaft mit gesunden zufriedenen Kühen, die auf sattgrünen Wiesen grasen, Wäldern und kleinen Weilern mit Fachwerkbauten ziehen an einem vorbei, bevor man an den Ortseingang von Märstetten kommt. Alle zwei Jahre entwickelt sich das beschauliche Dorf, das von der umliegenden Landwirtschaft geprägt ist, aus privater Initiative und Musikbegeisterung zur Festspielgemeinde. Um seine idyllische Scheune auf dem Familienansitz vor dem Abriss zu schützen und einer neuer Verwendung zu zuführen, entschied der vielseitige Musiker Jürg Trippel, ein barockes Opernhaus in Miniatur dort einzubauen. Die gesamte Familie und Freunde halfen mit, sägten, hämmerten, malten und vergoldeten. Am Ende entstand ein veritables Theater, das bis zu hundert Zuschauern Platz bietet. Kaiserloge und Seitenränge inklusive hinter hellblaugetünchten Ballustraden. Vergoldete Säulen umrahmen die Bühne, die sich hinter einem schweren Samtvorhang verbirgt. Typisch für das Barocktheater verjüngt sie sich perspektivisch in der Tiefe durch einschiebbare gestaffelte Kulissen. Etwas Bühnenmaschinerie ist auch vorhanden und lässt bunte Vogel an Seilen herumfliegen. Nach einem kurzen Rundgang erkennt der Zuschauer "Alles dran alles drin". Dazu ist die 400 Jahre alte Scheune von malerischen Gärten nach französischem, englischen und japanischen Muster umgeben. Alles klein und fein. Der Wettergott ist gnädig und zur Einstimmung kann im Garten flaniert werden, das beliebte englische Picknick hat in der Schweiz noch keine Nachahmer gefunden.

 

Initiator und künstlerischer Leiter Jürg Trippel erklärt, dass seine Tätigkeit als Chorleiter in St. Gallen, Herzstück für die Überlegung und die Umsetzung seiner Ideen ist. Mit seinem Vokalensemble Praetorius demonstriert er seine musikpädagogische Fertigkeiten und kreierte mit seinen 16 spielfreudigen Mitgliedern gleich den Kern des Opernensembles. Stimmsicher und vollmundig schafft der Chor Klangathmosphäre und herzhafte Bewegung auf und um die Bühne herum. Engagiert übernehmen einzelne Sänger Rollen als auch Regie und Kostüme mit. Teamarbeit führt zum Erfolg. So hängt die Werkauswahl auch von entsprechenden Choreinlagen ab. Zum vierten Mal finden sie dieses Jahr statt und das selten gespielte, lange verschollene Werk "The Fairy Queen" von Henry Purcell wurde ausgewählt. Unbekannt ist der Librettist, aber das Werk basiert auf der 100 Jahre früher entstandenen Komödie " Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare. Gross war der Erfolg dieser Semi Oper 1692, aber die Aufführung erwies sich zu kostspielig, so wurden Kürzungen vorgenommen und Rollen gestrichen. Dafür kamen weitere Arien hinzu und die musikhistorische Bedeutung des Werkes für die Entwicklung der Oper stieg. Für das kleine Opernhaus Märstetten geeignete Voraussetzungen, um die Umsetzung mit einfachen vorhandenen Mitteln zu realisieren und das Live Erlebnis Oper zu garantieren.

 

Instrumental wird Jürg Trippel von befreundeten Musikern aus der Umgebung, die in verschiedenen Klangkörpern beheimatet sind, unterstützt. Gemeinsam bilden sie das Opernorchester Märstetten, mit zwei Violinen und Oboen, Viola, Cello, Kontrabass und Laute. Am Cembalo begleitet einfühlsam Marie Louise Dähler. Eng gedrängt sitzen die Musiker rechts und links von der Bühne, der Dirigent steht mitten im Zuschauerraum, gut sichtbar für alle Mitwirkenden. Etwas widerspenstig zeigt sich das Zusammenspiel im Vorspiel, wird frischer und lebendiger im Laufe des Abends und die musikalische Unterlegung der anspruchsvollen Arien und Rezitative baut sich zu einem vollen klangfüllendem Opernerlebnis auf.

 

Langsam getragen öffnet sich der Vorhang, Titania und Oberon feenhaft in blütenweiss treten auf. Junge Sänger können hier wichtige Bühnenerfahrung sammeln und ihre Rollen bühnengerecht einstudieren. Viel Zeit für Proben gibt es aber nicht. In nur sechs Probetagen muss alles stehen. Detaillierte Regieanweisungen fehlen auch, so kommt viel eigene Kreativität und Ausdruckskraft zum Einsatz. Freude und Engagement ist in der Dichte des engen Raumes von allen Seiten spürbar. Auch das Gefühl für die richtige Balance im Einsatz der Stimme im kleinen Raum kommt zum Tragen. Gefühlvolles nuancenreiches Piano ist gefragt, das trotzdem bis zur Dramatik reichen muss. Julia Hagenmüller hat schon mehrfach mitgewirkt und kann ihren Sopran gehaltvoll und farbenreich in der Rolle der Titania wirken lassen. Dunkler und dramatischer ist der Sopran von Ursula Göller, die in mehreren Rollen einen guten Eindruck hinterlässt. Viel Anhänger findet Stefan Kunrath, der als Countertenor ebenfalls in mehreren Rollen auftritt aber insbesondere als kokette Magd Mopsa in Frauenkleidern den Avancen von Bariton Lorenz Kauffer als Claridon charmant aber bestimmt humorvoll widersteht. Peter Walser poltert als betrunkener Poet mit seinem Bass und verleiht am Ende als guter Gott Juno den Verliebten Frieden. Immer dabei das Vokalensemble Praetorius in bunten Tüll eingehüllt, mit Kränzen auf dem Kopf. Als Elfen tummeln sie sich in der Traumwelt auf der Bühne, als Volk und himmlische Gesellschaft am Bühnenrand. So umzingelt fühlt sich das Publikum als Teil der Handlung quasi auf der Bühne, zu der es nur wenige Meter sind. Das ist gefühltes Opernleben wie es im Barock üblich war. Auch dort waren die szenischen Umstände ähnlich, Publikum und Sänger agierten in unmittelbarer Nähe ohne Berührungsängste. Dazu wurde gegessen und getrunken. Hier wird das leibliche Wohl nach einem herzhaften Applaus versorgt und es gibt noch Gelegenheit sich mit den Künstlern auszutauschen.

 

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