Klassische Musik als Brücke der Kulturen, ein Konzertabend in Japan

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Inmitten großer moderner Büro - und Hotelkomplexe liegt die Suntory Hall, einer von mehreren Konzertsälen in der japanischen Hauptstadt Tokyo und Heimat des Tokyo Symphony Orchestra. Ein kleiner geschmackvoll gestalteter Platz öffnet sich, von verschiedenen Restaurants und Geschäftspassagen umgeben. Er ist Herbert von Karajan gewidmet, der in Japan sehr verehrt wurde. Eine Namensplakette ganz im Stil Salzburger Straßenschilder erinnert daran. Gerade ist Kirschblüte und es tummeln sich jung und alt unter zwei kleinen dekorativen Kirschbäumen. Eine Zeltreihe mit Essständen bietet europäische Spezialitäten, die die lokale Bevölkerung mit Begeisterung als Hanami, dem berühmten Picknick unter den blühenden Bäumen zu sich nimmt. Auch drinnen in der luxuriösen Konzerthalle erwartet die Besucher europäische Spezialitäten, diesmal sinnlich aus der Hand zweier für Ihr Heimatland bedeutende und die heimische Naturstimmungen vermittelnde Komponisten. Jean Sibelius für Finnland und Anton Bruckner für Österreich. Ruhig und andächtig huschen die Konzertbegeisterten über den plüschigen Teppichboden oder auf Rolltreppen in den 1987 eröffneten Saal, der im Stil und Aufteilung an die Berliner Philharmonie erinnert. Das Tokyo Symphony Orchestra ist ein renommierter Klangkörper in Japan und hat in seinem Bestehen mit allen bedeutenden Dirigenten zusammengearbeitet. Derzeit ist Jonathan. Nott sein musikalischer Leiter. Diesen Konzertabend leitet der Engländer Mark Wigglesworth, der auch als Operndirigent und musikalischer Leiter der English National Opera internationale Aufmerksamkeit erhielt. Jennifer Pike übernimmt den Solopart des Violinkonzertes von Jean Sibelius. Zögerlich zittrig beginnt das ruhige Pianissimo. Orchester und Solist versuchen Gefühl und Leichtigkeit im ersten Satz zu verbinden und treffen sich nicht immer. Auch in der Tempiführung gibt es Unebenheiten die im Fortlauf des Konzertes wegfallen. Selbstbewusst und exakt gestaltet Jennifer Pike die Solokadenz. Elegisch, einfühlsam und harmonisch klingt der Schlusssatz aus. Dafür gibt es viel Beifall, den die Solistin mit einer Zugabe aus der Sarabande des Moll von Johann Sebastian Bach belohnt. Mit der 4. Symphonie von Anton Bruckner, der Romantischen, wurde ein anspruchsvolles großes symphonisches Werk in das Programm genommen. Alle Instrumentengruppen sind technisch gefordert sowie im Zusammenspiel. Allen voran obliegt den Bläsern in der Partitur ein Vielzahl von Leitthemen vorzustellen. Mancher Einsatz will nicht gelungen und verschleppt so Spannungsbögen im Aufbau, typisch für den tiefgläubigen Anton Bruckner, die er mit reinigender göttlicher Naturgewalt in nichts auflöst. Dies erfordert exaktes Spiel und aufmerksames miteinander mit klarer Anleitung des Dirigenten. Hier zeigen sich immer wieder Defizite besonders im Dirigat. Mark Wiggisworth versinkt in romantischer breiter Stabführung, Takt und Einsätze verschwimmen. Das würzige beliebte Scherzo zwischen Jagdszene und Volkstank zerfließt trotz aller Mühen der disziplinierten Musiker. Das epische Finale gelingt über weite Strecken mitreißend gefühlvoll, der Spannungsbögen und die Schlussauflösung verpuffen leider. Aber die große Dramatik des Komponisten hat den großen Saal ausgefüllt und das Publikum wieder einmal gebannt. Herzlich freimütig wird lange applaudiert. Danach höflich und diszipliniert ohne Geräuschkulisse der Heimweg angetreten. Asiatische und europäische Stilelemente und Kultur vermischen sich bei dem Besuch eines Konzertes und werden zum lohnenden Reiseerlebnis.

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