Karlsruhe - ein realistischer FREISCHÜTZ mit drastischen Regeieinfällen

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Im Rahmenprogramm des Herbstmeetings von OPERA EUROPA besuchten die Teilnehmer am Badischen Staatstheater Karlsruhe eine bemerkenswerte Regietheater-Inszenierung des „Freischütz“ durch die nicht gerade für Konventionalität bekannte Verena Stoiber. Das wäre ja gerade bei von Carl Maria von Webers (hoch)-romantischer Oper in unserer Realität auch kaum noch glaubhaft zu vermitteln. So deckt Stoiber (Dramaturgie Deborah Maier) mit ideenreichen und dramaturgisch stets nachvollziehbaren Regieeinfällen schon während der Ouvertüre schonungslos die ganze Falschheit, Bigotterie, und auch Borniertheit einer biedermeierlich naiv strukturierten Gesellschaft im Dorfmilieu auf und zieht im Finale mit einer exzellenten Personenregie und Mimik auch den Zynismus ihrer Führer Kuno und des Pfarrers Ottokar blank.

In einem dazu bestens passenden gotischen Kirchenraum von Sophia Schneider (auch passende Kostüme) stellt sie das gottlose „Prinzip Kaspar“ mit dem besten Sänger des Abends, dem jungen und äußert agil spielenden US-Amerikaner Nicholas Brownlee mit einem bestens artikulierenden, prägnanten und kraftvollen Bassbariton dar. Wie Mephisto kommt er auf die Bühne und mischt die ganze „feine Gesellschaft“ richtig auf. In Frankfurt am Main wird Brownlee bald Jochanaan und Holländer singen. Ich bin mir sicher, dass sich da mittelfristig zumindest der „Rheingold“-Wotan anbahnt, später dann noch viel mehr. Dorothea Herbert a.G. beeindruckt als naiv zwischen Hure und Heiliger agierende Agathe, mit einem fast perfekt intonierenden, vibratoarmen und glockenreinen Sopran. Ich Mönchengladbach machte sie soeben guten Eindruck als Salome und wird im kommenden Jahr in einer NI von Christof Loy am Theater an der Wien zu erleben sein. Renatus Meszar überzeugt stimmlich und darstellerisch als zynischer und gutsherrenartig agierender Erbförster und Präsident des dörflichen Schützenvereins. Es ist herrlich mitanzusehen, wie er mit allen Facetten seiner Mimik versucht, Ottokar dazu zu bringen, Max in die Wüste zu schicken und wie der Pfarrer voll Angst vor der Obrigkeit nach den Worten des Eremiten klein beigibt – die Anpassungsfähigkeit der Kirche an die Gegebenheiten…

Sophia Theodoridesist als Ännchen die einzige, die vernünftig ist und den Durchblick hat. Das wurde nicht zuletzt unmittelbar klar aus einem allen Protagonisten einmal im Laufe der Handlung gewährten Video-Monolog (Thiemo Hehl)im Altarraum, in dem sie ihre wahren Gefühle und Handlungsweisen unzweideutig klar machten – ein für mich zumindest neuer und in diese Produktion bestens passender dramaturgischer Einfall, durchaus auch mit humoristischen Nebeneffekten.Gestalterisch eindrucksvoll meistert sie die Rolle mit einem gefälligen Sopran. Der Eremit von Vazgen Gazayan sorgt im Finale mit seinem klangvollen und profunden Bass für einen Prometheus-haften Auftritt à la „Die Vögel“ von Walter Braunfels und bewirkt augenblickliches Umdenken beim zuvor Max im Rückkehrfall noch mit Kerker drohenden Ottokar. Zuerst wie ein Sandler unter dem Altar kauernd und dankend von Agathe etwas zum Essen annehmend, später immer wieder mal völlig unbeachtet auf Knien durch den Kirchenraum robbend, wird er nun zur übermächtigen Stimme Gottes. Pfarrer Ottokar wird von dem körperlich alle überragenden KS Edward Gauntt mit einem klangvollen Bariton gesungen. Der brasilianische Bariton Arthur Cangucu a.G. ist ein guter Kilian.

Leider wird der Max von Matthias Wohlbrecht zum Manko des Abends. Mit einer allzu festsitzenden und meist verquollen klingenden Stimme bei wenig tenoralem Glanz und Resonanz kann er den Max einfach stimmlich nicht ausfüllen, sei denn, man hat ihn extra auch stimmlich als Agathe nicht würdigen Bräutigam darstellen wollen. Das hat er nämlich schauspielerisch wirklich eindrucksvoll über die Rampe gebracht, obwohl ihre Brautwürdigkeit wahrlich auch nicht eindeutig ist und auch sie wohl noch etwas warten sollte. Stimmlich war Wohlbrecht für mich aber eine Fehlbesetzung. Er ist sicher ein guter Mime und wohl ganz allgemein eher im Charakterfach zu Hause.

Johannes Willig leitet die Badische Staatskapelle mit viel Verve und einem guten Gespür für die zeitweise skurrilen Geschehnisse auf der Bühne. Natürlich ist bei den von Ulrich Wagner einstudierten Chören der berühmte Jägerchor das herausragende Ereignis. Er wird hier von Kuno als sarkastische Satire auf die kleinkarierte Mentalität der Dorfgemeinschaft dirigiert – irre! Aber bei den Damen steht ihm der Jungerfernchor an Skurrilität nicht nach. Er endet mit dem Öffnen der Schachtel mit dem Jungfernkranz – und siehe da, der Kranz trägt zu aller Entsetzen Totenschädel! Verena Stoiber überrascht immer wieder mit solch drastischen Regieeinfällen, die aber stets in das dramaturgische Gewebe ihrer Interpretation des „Freischütz“ passen.

So ist man während der Ouvertüre noch überrascht, dass Agathe, die zunächst züchtig wie Tosca in die Kirche kommt, sich von Kaspar dann ausgerechnet im Beichtstuhl hinter einem roten Samtvorhang zu einem blow job hinreißen lässt, auch wenn ihr diese Tat danach äußerst peinlich ist. Wenn Max später zwischen den Kirchenbänken sogar ein quicky mit einem von Kaspar mitgebrachten leichten Mädchen macht und nach seinem wiedermaligen Abblitzen bei Agathe erst die Gebetbücher zerfetzt, dann eine Kirchenbank umwirft und den Beichtstuhl zertrümmert, sowie schließlich das Altarplakat „Viktoria“ herunterreißt und „Hure“ an die Wand schmiert, wissen wir, mit welcher Gesellschaft wir es zu tun haben, und dass von ihr nichts Gutes zu erwarten ist. Dabei ist die Rauferei, die gleich zu Beginn nach dem Auftritt Kilians losgeht, noch das Wenigste, nur ein Vorgeschmack auf das, was dann kommen sollte. Immerhin versucht Ännchen krampfhaft, die „Hure“ wieder mit dem „Viktoria“ zu verdecken…

Am Schluss wird der Eremit von Kunos Leuten abgeführt, und Ottokar liest wieder die Messe, als sein nichts gewesen, mit der frommen Agathe als Administration neben ihm. Oben taucht plötzlich Kaspar auf und Max versucht verzweifelt, auf ihn als den Schuldigen hinzuweisen. Niemand schenkt ihm Aufmerksamkeit. Es geht alles so weiter im Dürrenmattschen Dorf weitab der Aufklärung…

Meines Erachtens war es ein spannender Opernabend und endlich einmal wieder eine „wasserdichte“ und realistische Regietheater-Produktion, die die so oft bestrittene Relevanz dieses Inszenierungsstils einmal mehr unter Beweis stellt! Jedenfalls war das viel besser als Stoibers überzogenes „Rheingold“ in Chemnitz…                                           

Foto: Felix Grünschloß

Klaus Billand/8.11.2019

 

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