Judith ein Krimi an der bayerischen Staatsoper

Xl_judith_2020_ohp_c_w_hoesl__407_ © Winfried Hösl

Einen weiten Spannungsbogen spannt die gefeierte britische Theaterregisseurin Katie Mitchell in ihrer 28 Opernregie, diesmal für die bayerische Staatsoper.  Dabei tritt sie über die Ufer der Oper und macht das Nationaltheater München zum großen Kinosaal für den ersten Teil des Abends. Schon der Titel wirft Fragen auf. Judith als Operntitel existiert nicht, sie macht Judith, die weibliche Protagonisten aus Bela Bartoks Oper Herzog Blaubarts Burg – für zwei Sänger - zur Titelheldin.

Darin spiegelt sich bereits das genderpolitsche Regiekonzept der Britin, das sie sehr stringent den Abend über verfolgt. Aus dem metaphysischen Libretto um den mysteriösen Herzog Blaubart, der in seiner schrägen Burg haust und seine Ehefrauen nach Tageszeiten geordnet sucht und mordet, bastelt sie einen Psychothriller, der es mit Meisterwerken der Traumfabrik aufnehmen kann.

Dabei verknüpft sie fließend die Kunstformen Film und Oper. Indem sie die Oper und ihren Inhalt in die Ist Zeit verlagert, ist es ihr auch ein Bedürfnis Zeitthemen zu thematisieren. Für sie ist wichtig „die toxischen Darstellungen der Geschlechterverhältnisse“ einzuarbeiten und gibt der Frauenfigur einen größeren Handlungsspielraum. Sie wird zur Polizistin, die dem Sexualstraftäter auf der Spur ist und ihn letztendlich stellt und erschießt. Damit entfernt sie sich von der Handlung der Vorlage, um den Bogen zu schaffen und die Vorgeschichte verständlich zu machen, setzt sie einen farbigen Stummfilm (Regie Grant Gee) an den Beginn des Abends.

Um in Bartoks musikalischer Sprache zu bleiben, hat sie sein Spätwerk Das Konzert für Orchester aus dem Jahr 1943 zur musikalischen Untermalung ausgewählt und stellt dieses der in jungen Jahren 1911 entstandenen Oper gegenüber. Video und Film sind mittlerweile aus der Opernregie nicht mehr wegzudenken, eine Gleichstellung wie an diesem Abend ist dennoch neuartig und auch nicht ohne Wirkung, wenn es so meisterhaft gemacht wird.

Mit Feingefühl wurde die Identität des symphonischen Werkes lautmalerisch in die Dramatik der Filmgeschichte integriert. Bunte Bilder führen uns eingangs in das erleuchtete nächtliche London. Ein Psychopath wählt im Internet seine Opfer und bedient sich eines Handlangers, der als Chauffeur die Auserwählten seinem Geldgeber zuführt. Die Kriminalistin stößt in ihrer Recherche auf das Täterschema und knüpft über das Internet den Kontakt. Bei der ersten Begegnung befinden wir uns dann auf der Opernbühne. Der gesprochene Original Prolog wird weggelassen. Judith steigt aus der eleganten schwarzen Limousine und betritt die Burg Blaubarts, ein modernisierter Altbau. Der Bühnenbildner Alex Eales reiht die einzelnen Zimmer aneinander, in die Blaubart und Judith der Reihe nach treten. Klischeehaft steckt Sussie Juhlin Wallen die Opfer in billige Kunstpelze im Leopardenlook mit blonden Perücken. In nahezu zwei Stunden rollt die Geschichte mitreißend vor den Augen ab ohne Längen zuzulassen. Dies ist besonders der Musik des ungarischen Komponisten Bela Bartok zu verdanken, auch wenn die Musik an diesem Abend gefühlt zu kurz kommt.  

Richard Strauss und Franz Liszt waren für Bela Bartok von großer Bedeutung für sein Schaffen. Aber besonders fühlte er sich der Volksmusik verbunden und sammelte sein ganzes Leben Inspirationen aus der Folklore. Diatonik, Pentatonik und ausgeprägt Rhythmik sind bewusste Stilelemente des ungarischen Komponisten. Geboren 1881 verbrachte er einen Großteil seines Lebens in Budapest, emigrierte 1940 vor dem Faschismus in die USA, wo er 1945 an Leukämie verstarb. Mit seinem Exil ermattete auch sein Kompositionsgeist, mit der neuen Heimat konnte er sich nur schwer anfreunden.

All diese Stilelemente und persönlichen Gefühle lässt die Interpretation der jungen ukrainischen Dirigentin Oksana Lyniv erfühlen. Scharfe Kanten des Expressionismus feilt sie aus, die warmen Stimmungsbilder des Impressionismus dämmt sie und schwungvollen Rhythmen der Volksmusik setzt sie pointiert. Kleine Ungereimtheiten zu Beginn in Tempi und deren Phrasierung kriegt sie schnell in den Griff, den Sängern setzt sie nur selten überdimensionierten Orchesterklang gegenüber. Sie baut Spannung auf und hält sie, haucht dem Film Leben ein und liefert der Oper die dramatischen und psychologischen Effekte.

Hervorragend folgt Nina Stemme dem schauspielerischen Anspruch und verkörpert auch in ihrer stimmlichen Präsenz den genderpolitischen Regieansatz. Ihr Sopran wächst an Dramatik aber bleibt melodiös und arios ohne Forcierung. John Lundgren ist ein vollmundiger tiefer Bariton, der die Dramatik und Spannung der Partitur mit seiner Stimme ausschöpft. Kahlgeschoren mit Kinnbart gewinnt er äußerlich wenig Sympathie. und zeigt sich in seinem Rollenbild als kaltblütiger fieser Serienmörder zurückhaltend.

 

Viel Begeisterung beim Publikum, das still in Spannung versetzt aufmerksam den Thriller verfolgte.

 

| Drucken

Mehr

Kommentare

Loading