Ingo Metzmacher in München verleiht den "Vögel" musikalische Flügel

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Sanft und leise begeben wir uns in die Harmoniewelt von Walter Braunfels und mit seiner spätromantischen Klangwelt in das Reich der Vögel, die von den Göttern beherrscht werden. Federumkränzt phantasievoll begrüßt die Nachtigall die Zuschauer und die menschlichen Eindringlinge Ratefreund und Hoffegut. Verkommen, abgewohnt und trostlos wirkt die Kulisse (Bühne Aleksandar Denic), ein LKW und Pixi Klo inklusive. Ein Treppenaufbau führt zu einer Hütte als Nest des Wiedehopfes, ehemals ein Mensch. Der erscheint dann zerzaust dem Alkohol verfallen im grünen Glitzeranzug und beansprucht für sich, der Führer der Vögel zu sein. Die neugierigen Vögel sammeln sich um die beiden Menschen in ihren kreativen bunten Kostümen von Adriana Praga Paretzki.

 

Vor nahezu genau 100 Jahren erlebte die Oper „Die Vögel“ von Walter Brauenfels ihre Uraufführung im Münchner Nationaltheater. Dies will die bayerische Staatsoper in einer Neuinszenierung unter der Regie von Frank Castorf feiern. Corona bedingt kam es nur zu einer einzigen Aufführung vor 50 Zuschauern, die Premiere wurde einige Tage vorgezogen, um dem Lockdown zu entgehen. Nunmehr ermöglicht ein Stream des Staatsoper TV dieses spannende und außergewöhnliche aber selten gespielte Werk kennenzulernen. Faszinierend ist die Aktualität des antiken Stoffes von Aristophanes, welche der Komponist selbst in das Libretto goss. Eine Metapher über politische Ideologie, Rebellion und gesellschaftliche Verhetzung. Sieben Jahre arbeitete Braunfels an dieser Oper, die ein grosser Erfolg wurde. Als Halbjude geriet er im Nationalsozialismus in Vergessenheit.

 

Munter lässt Frank Castorf in dem Schmuddelambiente Vögel, Menschen und Götter herumwirbeln. Dazu gibt es eine Videoleinwand und Projektionen. Die Bühne darf sich auch noch drehen. Mitunter wächst es zu einem bunten Durcheinander, dem der Betrachter nur mühsam folgen kann. Ratefreund und Hoffegut arbeiten daran die Vögel zur Revolution anzustacheln. Ganz will es zuerst nicht gelingen in diesen perversen dem Verfall ausgelieferten Reich. Der Wiedehopf fühlt sich als Anführer, es fehlt ihm aber an Autorität. Ein finales Aufbegehren der Vögel wird schlussendlich von Prometheus durch Winde, die er schickt pulverisiert. Einen Schuss Romantik mit einem ausgefeilten Duett liefert die Amour fou der Nachtigall mit Hoffegut im Vollmondlicht samt Liebesakt. Alfred Hitchcock und seine Vögel werden auch noch schnell eingearbeitet. Ratefreund mischt derweil als Aufwiegler in Naziuniform die Rebellen auf.

Belanglos ohne Konzept aber voller kitschiger Plattitüden und flacher Gags arbeitet sich der Regie Altmeister Castorf oberflächlich durch diesen spannenden Stoff, der immerhin nach sagenhaften  2500 Jahren nicht aktueller sein könnte.

Die kraftvolle farbenreiche harmonische Musik Braunfels bettet das Schauspiel weich ein, der Zuhörer filtert Stilelemente von Richard Wagner, Anton Bruckner und Richard Strauss heraus. Meisterhaft verknüpft er Melodien mit dramatischen Steigerungen. Dramaturgisch sind ebenso klare Parallelen zu Richard Wagner erkennbar, wie im Monolog des Prometheus, der an Wotan und dessen zerbrechendes Reich erinnert.

 

Anspruchsvoll sind die Partien für die Sänger, deren mit Melodien unterlegten kantablen Sprechgesang über mehrere Register führt und Vögel gleich in die Höhe strebt. Gleich zu Beginn versteigt sich Caroline Wettergreen als Nachtigall in höchste Höhen und zierpt klar sicher und hell. Ihr Gesang versetzt einen in die Natur und zum Lauscher des munteren Vogelgesangs. Auch ihre Artegenossinnen wie Emily Pogorelc als Zaunschlüpfer oder Yalie Zhang als 1. Drossel lassen aufhorchen. Günter Papendell schlüpft mit nuancenreicher und farbiger Stimme in die Rolle des Wiedehopf, den er auch noch charakterlich geschickt und wortdeutlich gestaltet.

 

Michael Nagy als Ratefreund und Charles Workman als Hoffegut gelingt es nicht, ihre zentralen Rollen für das Geschehen auszufüllen. Stimmlich sicher fehlt es an Leichtigkeit und Glanz. Dafür verleiht Wolfgang Koch Prometheus satte Herrscherqualitäten, lässt seinen Bariton dunkel und vollmundig mit satter Unterlegung wirken.

 

Entscheidend für den Erfolg des Abends ist die musikalische Gestaltung durch Ingo Metzmacher am Pult des Bayerischen Staatsorchesters. Er ist spezialisiert auf außergewöhnliche zeitgenössische Musik und hat bereits vielen Entdeckungen zu großem Erfolg verholfen. Er versteht es mit der Klangvielfalt, dem romantischen Farbenreichtum aber auch den Ecken und Kanten der Partitur umzugehen. Durch ihn bekommt die Handlung ein „Gesicht“, eine Dramaturgie. Gewohnt ausgefeilt und präzise geführt durchfluten aus dem Orchestergraben Klangströme den Raum, die selbst noch am Stream zu spüren sind.  Wie in der Natur bekommt jede Vogelstimme ihre Identität. Geradezu förmlich feierlich wird der Schlussgesang mit dem bestens einstudierten Chor der bayerischen Staatsoper.

 

Ein lohnende und überzeugende musikalische „Wiederentdeckung“ dieses Werkes, welches vom Regisseur mit Einfällen überfrachtet aber lähmend inszeniert wurde. Am Bildschirm konnte man dazu Intendant Nikolaus Bachler mit charmanten Worten zur Einführung und inhaltlichen Einstimmung erleben. Die Botschaft „Wir sind für Sie da – wir spielen“ sendet wichtige Impulse.

 

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