Halbszenisch spannender Vorabend in Bregenz zum „Ring des Nibelungen“ in Rhein-Nähe

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BREGENZ/Festspiele: DAS RHEINGOLD Pr. am 1. August 2021

Halbszenisch spannender Vorabend zum „Ring des Nibelungen“ in Rhein-Nähe

Zum 75. Jubiläum der Bregenzer Festspiele führte man in der Matinee ein „Orchesterkonzert“ mit den Wiener Symphonikern unter deren neuem Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada auf, das abe, de facto, wie auch von Christiane Plank-Baldauf im Programmheft festgehalten, eine halbszenische Produktion von Richard Wagners Vorabend des „Ring des Nibelungen“ wurde. Man sah als wichtige Determinante für die relativ ungewöhnliche Aufführung des Rheingoldin Bregenz dessen Bezug zum Rhein, der ganz in der Nähe der Stadt in den Bodensee mündet und von dort seine lange und geschichtsträchtige Reise (Worms, Xanten, Loreley, et al.) als eine der auch historisch bedeutendsten Wasserstraßen Europas nach Norden antritt. So bildet der Festspielort Bregenz in den Augen der Veranstalter auch einen Teil der Handlung, zumindest assoziativ.

Vor diesem Hintergrund entschied man sich, dem Orchester eine durchaus dramaturgische Rolle zuzuweisen, indem es gestaffelt und damit in allen Instumentengruppen gut sichtbar auf der Bühne ansteigend platziert wurde und sich im hinteren Mittelpunkt eine kleine Plattform erhebt, auf der bestimmte wichtige Szenen der Handlung stattfinden, beispielsweise die Überlistung Alberichs und das Finale mit dem Einzug der Götter in ein imaginäres Walhall. Die meiste Aktion spielt sich aber im Vorraum vor dem Orchester ab, wo gleich zu Beginn die drei Rheintöchter elegant in Frack und Pumps hereinstaken und sich gemütlich auf Liegestühle setzen. Alberich kommt von unten zu ihnen hoch. Ein bedeutende Rolle spielt die Lichtregie, die mit grellen Blendungen und Lichtfacetten das Geschehen von hinten gelegentlich intensivieren und dramatisieren. Johannes Erath ist für diese weitgehend gelungene szenische Einrichtung, die auch kostümmäßig in schwarz-grau Tönen gehalten ist, verantwortlich. Störend allerdings sind die Beleuchtungen der Notenpulte in den ersten Orchesterreihen und am Dirigentenpult. Sie blendeten erheblich in die ersten Reihen des Parketts und waren damit genau das Gegenteil dessen, was im Programmheft als Vorteil des Bayreuther Orchesters gewürdigt wird, nämlich die dort nicht gegebene Störung durch das Orchesterlicht.

Dennoch entwickelte sich dieses „Reingold“ auf spannende und unterhaltsame Art und Weise mit wenigen szenischen Details, die aber die wichtigsten Handlungselemente des Vorabends in überzeugender Weise darstellten. Bei der Besetzung gab es indes Licht und Schatten. Brian Mulligan war ein zwar engagierter, aber stimmlich doch zu leichter Wotan mit ausbaufähigem Volumen. Annika Schlicht gab wie schon im neuen Berliner „Ring“ eine souveräne Fricka mit warm strömendem und bisweilen leuchtendem Mezzo. Will Hartmann war mir von Lissabon 2006 als exzellenter Loge in Erinnerung. Diesmal klang seine Stimme brüchig und nicht mehr höhensicher, während er die Rolle mit großer Intensität verkörperte. Die drei Rheintöchter sangen auf internationalem Spitzenniveau, Liv Redpath als Woglinde, Svetlina Stoyanova als Wellgunde und Claudia Huckle als Flosshilde, die auch wieder als kraftvoll mahnende Erda tätig war.

Eine ganz hervorragende Leistung lieferte John Heuzenroeder in seinem Debut als Mime ab, das er nicht nur theatralisch einnehmend umzusetzen wusste, sondern auch mit einem klangvollen und in weitere Wagner-Sphären weisenden Tenor sang. Er hat bereits den Loge einstudiert und wäre sicher ein sehr interessanter Sänger für diese Rolle. Levente Páll als Fasolt und Dimitry Ivashchenko als Fafner blieben stimmlich etwas blass. Einen starken Gewitterzauber und damit auf mehr Hoffnung machend sang der junge Michael Nagl als Donner. Patrik Reiter konnte als Froh ebenso gut überzeugen wie Gal James als Freia. Martin Winkler war als Alberich wegen Erkrankung ausgefallen, sodass Markus Brück die Rolle übernahm. Das machte er darstellerisch exzellent, stimmlich war mir seine Interpretation eine Spur zu lyrisch für diese Rolle, die er gleichwohl intensiv interpretierte.

Andrés Orozco-Estrada trieb mit seinen Wiener Symphonikern die „Rheingold“-Handlung mit viel Verve und Dynamik voran, gestaltete aber kontemplative Momente wie den Erda-Auftritt mit viel Feingefühl und stets guter Sängerführung. Auch die Ambosse zum Nibelheim-Bild klangen großartig, insbesondere nach dem wilden orchestralen Crescendo davor. Überraschend fand ich, dass vor dem Vierten Bild eine Pause eingelegt wurde. Das habe ich bei meinen doch recht zahlreichen „Rheingold“-Besuchen in über 50 Jahren noch nie erlebt. Und nun ausgerechnet in Bregenz…      

Klaus Billand

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