Grosses Tanztheater in Innsbruck in künstlerischer Perfektion

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Die Tiroler Landeshauptstadt steht wieder im Ballettfieber. Seit der Ballettdirektor Enrique Gasa Valga aus der Ballettcompagnie eine international anerkannte Tanzgruppe geschaffen hat, erfreuen sich die Ballettabende am Tiroler Landestheater grosser Begeisterung und Nachfrage. Mit dem neuen abendfüllenden Programm unter dem vielversprechenden Titel "Grosse Nacht des Tanzes" stellt er drei Tanzstücke unterschiedlicher Choreografen vor. Mit Por vos muero steigt die Compagnie zu alter traditioneller spanischer bzw katalanischer Musik ein. Nach einem Gedicht von Garcillosa de la Vega lässt der katalanische Choreograf Nacho Duato das goldene Zeitalter Spaniens im 16. Jahrhundert auferstehen. 1996 in Madrid uraufgeführt, zeichnet sich diese abwechslungsreiche Choreografie nach der Musik von Jordi Savall durch seine Vielfalt von klassisches Stilen und Konzeption aus, die mit intelligenten schwungvollen Figuren und Tanzschritten angereichert ist. In historisch anmutenden Kostümen, ebenfalls von Nacho Duato werden die Episoden stimmungsvoll u a mit Masken oder Weihrauchspender angereichert. Mit viel Gespür widmet er sich der Balance von Bewegung und Musik. Seine Figuren setzen den gesamten menschlichen Körper in Bewegung, jeder Muskel, jedes Gelenk und jeder Bewegungsapparat wird bis nah an die Akrobatik einbezogen. Dadurch sind seine Choreographien lebhaft aber auch elegant, simpel anmutend und doch so komplex.

Elegisch anmutend und stark im Ausdruck geht es im zweiten Teil des Abends mit den Lieder eines fahrenden Gesellen von Gustav Mahler in der Choreografie von Jiri Kyllian weiter. Er arbeitete auch mit Nacho Duato zusammen, holte diesen zum Nederlands Dans Theater und prägte mit seinem ästethischen epischen Inszenierungen über Jahre das Ballettgeschehen. Gustav Mahler verfasste auch die lyrischen Texte dieser vier Lieder mit autobiographischen Zügen über die Flucht und Wanderschaft eines Gesellen, der seine Liebste verloren hat. Die Uraufführung dieser Choreographie fand 1982 in Scheveningen statt. Viel Aufsehen erregte damals auch die Bühnengestaltung von John Macfarlane. Das Original Rückprospekt wurde für diese Wiederaufnahme von den Werkstätten des Tiroler Landestheater in mühevoller Detailarbeit nachgemalt. Aber der Aufwand hat sich gelohnt. In verschiedenen Schattierungen beleuchtet, wird der Betrachter magisch in das Bild hineingezogen. Eine Strasse führt ins Nirgendwo, erwartungsvoll freundlich hell bis todesahnend mystisch dunkel, den Stimmungen des Gesellen entsprechend. Zu jedem Gedicht tanzt ein Paar seine Pas de Deux, kunstvoll ausziseliert, fein gestaltet in perfekter Harmonie, fliessend weich in den Abläufen mit immer wieder überraschenden ineinandergreifenden Ver- und Entwicklungen. Meisterhaft schweben Körpergewichte in den Hebefiguren und lassen Schwerkraft vergessen.

Anders gestaltet der Italiener Mauro Bigonzetti nach der Pause seine Choreografie Cantata, 2001 in Lissabon uraufgeführt. Der in Rom und Mailand tätige Ballettdirektor wurde hier durch die Begegnung mit neapolitanischen und apulischen Musikern Inspiriert. In leichter tänzerischer Weise stellt er die unterschiedlichen Facetten der Beziehungen zwischen den Geschlechtern dar, von Verführung über Liebe zum Streit und Eifersucht. Daraus wird eine Milieustudie, in modernen Kostümen fühlt der Betrachter sich in die Straßen Süditaliens versetzt und erlebt das Geschehen mitreissend hautnah. Dazu baut Bigonzetti auch gesprochene Dialoge ein und überschreitet die Grenze zum Tanztheater. Stilistisch löst er sich von klassischen Figuren und erarbeitet aus manch alltäglicher Bewegung derbe karftvolle Bewegungsabläufe. Dazu gehören kollektives Stampfen und Herumschreiten bzw -wirbeln. Immer wieder sammelt sich die Gruppe in einem geschlossenen Circle aus dem heraus neue Episoden entstehen. Unvermittelt lösen sich Mitglieder und gestalten neue Motive. Mit der traditionellen Musik der Gruppe Assurd, die in verschiedenen Dialekten gesungen wird, hebt er die tiefe Verflechtung von Musik und Tanz hervor.

Mit der Einstudierung und makellosen Präsentation hat die Innsbrucker Ballettcompagnie seine Klasse und Reife wiederum unter Beweis gestellt. Die bestens ausgebildeten Tänzer tanzen auf höchstem Niveau in diesen anspruchsvollen und in sich sehr unterschiedlichen Choreografien, die bereits ins Tanztheater übergehen. Leichtigkeit, Eleganz und Ausdrucksstärke in den Bewegungen überzeugen. Dabei ist die Freude und der Gemeinschaftsgeist der Truppe in jeder Bewegung spürbar.

Das Publikum ist begeistert und mitgerissen.

 

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