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Grafenegg Festival 5.9.2026
Pianisten Gipfeltreffen in ländlicher Idylle
Seit nunmehr 20 Jahren wird im ausgedehnten Gelände von Schloss Grafenegg vor den Toren Wiens künstlerischer Hochgenuss in entspannter ländlicher Idylle angeboten. Seit diesem Jahr ist zum Wolkenturm, einer überdachten Bühne für Orchesterkonzerrte unter freiem Himmel ein neuer Konzertsaal für vornehmlich Solisten- und Kammermusik hinzugekommen. Der international gefeierte Pianist Rudolf Buchbinder ist Gründungsvater und langjähriger Intendant der Festspiele Grafenegg und hat mit unermüdlichem Einsatz zur Anerkennung und Beliebtheit des Festivals wesentlich beigetragen. Der neue Konzertsaal trägt somit zurecht seinen Namen und sein Andenken. Die Leitung legte er dieses Jahr zurück, wird dem Festival aber als Spiritus rectus verbunden bleiben.
Alexandre Kantarow ist seit seinem ersten Platz im renommierten Tschaikowski Wettbewerb 2019 ein gefragter Nachwuchspianist, der mit seiner kraftvollen aber ebenso differenzierten Anschlagstechnik Publikum und Fachwelt begeistert. Der junge Franzose sitzt im Spiel versunken mit seiner ungebändigten Mähne am Flügel. Mit dem Prelude cis - Moll von Frederic Chopin, der selten gespielten Sonate für Klavier f - Moll von Nikolai Medtner (1880-1951) eröffnet er das Programm mit romantischen Flair, farbenreich mit Emotionen durchdrungen.
Der finnische Komponist Kalevi Aho geb. 1949 hat bereits ein umfangreiches symphonisches Werk geschaffen. Er ist ein Vertreter der Moderne, der Tradition und Vergangenheit hochhält und zur Harmonie Bindung hält. Sein Konzert für Schlagzeug ist in unseren Breiten durch den Österreicher Martin Grubinger vielfach aufgeführt worden. Mit Unterstützung des Gilmore International Piano Festival hat Alexandre Kantarow bei Aho eine Klaviersonate in Auftrag gegeben. Die Uraufführung der Auftragsarbeit findet im Rahmen dieses Konzertes statt. Als Sonata di Fantasia betitelt, besticht dieses Werk mit seiner Vielschichtigkeit, ist temporeich mit dramatischer Eröffnung. Die drei Sätze fließen ineinander und wühlen Gefühle bei Pianist und Publikum auf.
Am selben Abend macht Yuja Wang Station auf ihrer Tournee durch Europa in Grafenegg. Gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra serviert sie ein buntes Programm aus Werken des 20 Jahrhunderts. Viele Strömungen und somit keine keine übergeordnete Klangsprache dominieren die Musikgeschichte dieses Jahrhunderts. Die persönliche Entwicklung von den Vertretern vermittelt die hohe Bandbreite der Schöpfungen, die nicht mehr tonal an die Harmonik gebunden sind. Die Musik bildet auch die sozialen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen ab.
Zu Beginn steht die 1940 von Aaron Copland komponierte Appalachian Spring Suite. Diese wurde für Martha Graham, der berühmten Choreographin und der nach ihr benannten Tanzcompagnie als Ballett geschaffen. Nach dem an der Ostküste gelegenen Gebirgszug benannt erzählt sie von einem Brautpaar in der puritanischen Siedlergesellschaft der Neuen Welt. Klanglich dominiert ein optimistischer Tonfall, Jazz und Folkelemente entwickeln einen amerikanischen Soundtrack, für den Copland steht. Teddy Abrams führt das Mahler Chamber Orchestra routiniert durch die farbenreiche Klangwelt, mitunter hätten mehr Akzente den Klang noch breiter auffächern können.
Samuel Barber (1910-1981) verbrachte einige Lebensjahre am Wolfgangsee in Österreich. Seine Kompositionswelt ist der europäischen Klassik verbunden, überschreitet aber kantig die Harmonielehre. Sein Klavierkonzert op 38 wird von Yuja Wang vermehrt zur Aufführung gebracht, um dessen Bekanntheit zu erweitern. Die Us amerikanischen Pianistin mit chinesischen Wurzeln fasziniert mit ihrem selbstbewussten einnehmenden Wesen. Unbekümmert jugendlich wirkt sie in ihren auffallenden Roben, am Klavier entwickelt sie eine Aura, die das Publikum gefangen hält. Mit perfekter Technik, einem weichen Anschlag versteht sie es aus den Tönen weitere Räume zu erschließen.
Nach zwei Werken für Blechbläser von Paul Dukas und Samuel Barber kehrt Yuja Wang erneut auf die Bühne mit dem zweiten Klavierkonzert g-Moll von Sergej Prokofiev zurück. Nicht nur als Solistin, sie übernimmt auch das Dirigat für dieses als nahezu unspielbar gehandelte Werk. Ein weiteres Zeugnis für die Ausnahmequalität der Künstlerin. Mit rasenden Läufen und nahezu akrobatischen Sprüngen dokumentiert sie die Geläufigkeit ihres Anschlages. Die Dynamik des Werkes erlaubt wenig poetische Ruhephasen, es ist bei Prokofiev die Rhythmik die innere Kraft. Alles bewegt sich mitunter atemberaubend nach vorn. Nur kurz sind ihre Einsätze als Dirigent, sie gibt Takt und Tempo in kleinen Gesten vor, um rasch an den Flügel zurückzukehren. Gebannt verfolgt das Publikum und bricht in großen Jubel aus.
Mit drei sehr elegisch gefühlvollen Zugaben, vom Orchester begleitet, entlässt Yuja Wang das beglückte Publikum in den lauen Sommerabend.
Dr. Helmut Pitsch
08. September 2026 | Drucken
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