Gewaltige Klänge rund um die Stimme in München

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Mahler 2 Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunk, Isarphilharmonie 19.3.2026

Gewaltige Klänge rund um die Stimme in München

Ein aussergewöhnlicher Abend begeistert das Münchner Konzertpublikum. Das Instrument der menschlichen Stimme wird im Programm facettenreich in den Mittelpunkt gesetzt. Mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks präsentiert sich ein prämierter Klangkörper in perfekter Harmonie und Homogenität in der stimmlichen Zusammensetzung. Peter Dijkstra hat beste Arbeit in der Einstudierung dreier unterschiedlicher Werke, die sich farblich und stimmungsvoll ergänzen. Aufgereiht im Balkon über dem Orchester steigert sich auch akustisch die Wirkung im ausverkauften Saal der Isarphilharmonie.

Sir Simon Rattle ist seit 2023 dessen Chefdirigent und steht auch am Pult des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Zu Beginn erklingt vokale Polyphonie a capella aus dem 17. Jahrhundert. Henry Purcell schuf kirchliche und weltliche Musik und gilt als einer der größten englischen Komponisten. Ruhig quasi aus dem Nichts entwickelt der Chor-Athem „Remember not, Lord, our offences“ eine mittelalterliche Mystik, die sich in ihrer Harmonie meisterhaft zu einer versöhnlichen Klarheit und positiv erhellenden Sehnsucht verwandelt. 

Fliessend ist der Übergang zum Nachtlied für Chor und Orchester op 108 nach einem Gedicht von Friedrich Hebbel von Robert Schumann. Die Urangst der existenziellen Bedrängnis erwacht in den Versen, Erlösung kommt durch den Schlaf. Der Orchesterbegleitung wird von Schumann eine interpretatorische Breite gegeben. Worte werden zu musikalischen Bildern die auch Emotionen verpacken. Magisch verschmelzen Stimme und Instrumente zu einer kognitiven Einheit, die in der folgenden Monumentalität von Gustav Mahlers zweiter Symphonie gipfelt. Sir Simon Rattle feilt hier mit dem großbesetzten Orchester an den Raffinessen und den mannigfaltigen Kanten dieser gewaltigen Partitur.

Kräftig mit einem Schuss Dramatik eröffnet der erste Satz fanfarenartig. Das Thema wird wahrlich durch die verschiedenen Instrumentenstimmen und Tonarten geknetet. Es sind diese ausgedehnten Steigerungen, die immer wieder zusammen fallen und neu aufgebaut werden, die das Werk dieses österreichischen Spätromantikers kennzeichnen. Niederschmetternde Erschütterung schimmert durch, wandelt sich in einen schweren Gang der im Nichts verhallt. Über drei Sätze gestaltet das Orchester aufwühlende Spannung.

Über drei Sätze gestaltet das Orchester aufwühlende Spannung. Dann erhallt wie aus einem Off der Mezzosopran von Beth Taylor, zart und wohlig warm erzählt sie vom Urlicht, eingebettet von Sehnsucht, die das Orchester in ruhigen Farben malt.

Mächtig entspinnt sich im fünften, dem Finalsatz eine ausufernde Orchestereinleitung, die Mahler selbst mit Keulen vergleicht. Eine Apokalypse die im jüngsten Gericht als Erlösung endet. Klopstocks Verse liefern den Text zum großen Chorfinale. „Auferstehn, ja auferstehn wirst Du“. Himmlisch mischt sich der helle Sopran von Louise Alder in den noch zaghaften aber ständig anschwellenden Ruf des Chores. Wahrlich ein Beben beendet diese große Symphonie nach 90 Minuten perfekter Spannung.

Großer Jubel und stehende Ovation - wohlverdient für Orchester, Chor und Dirigenten.

Dr. Helmut Pitsch

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