Festspiele Herrenchiemsee - eine musikalische Wallfahrt in Oberbayern

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Untrennbar sind die Festspiele Herrenchiemsee mit dem Namen Enoch zu Guttenberg verbunden, der unerwartet im Juni 2018 verstarb. In seinem Geiste werden diese mit einem hochwertigen Programm aus Kammerkonzerten, Orchesterwerken und sakraler Musik fortgeführt. Hochwertig sind auch die Aufführungsorte mit dem Frauenmünster auf der Fraueninsel und dem Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee auf der Herreninsel. Eingebettet in einer malerischen Hügellandschaft liegt der Chiemsee an den Ausläufern der Alpen. Viel Nostalgie kommt auf, wenn der Besucher der Festspiele mit dem historischen Raddampfer über das bayerische Meer zu den Konzerten tuckert, vorbei an Segelbooten, Schilfwäldern oder der unbewohnten Krautinsel. Die halbstündige Überfahrt bietet Zeit von der Hektik unserer Zeit, möglichen Verkehrsstaus oder sonstigen Stressproblemen herunterzukommen und ruhig und beseelt auf einer Insel zu landen. Dort ist die Zeit stehengeblieben. Der Wettergott hilft noch kräftig nach und spendiert einen wolkenlosen Himmel und angenehme sommerliche Temperaturen, sodass sich ein Umrundung der Fraueninsel vor dem Eröffnungskonzert lohnt. Zu linker Hand der freie Blick auf den See und die Umgebung schlendert man an der Klostermauer entlang, vorbei an kleinen Holzhütten, die den Fischern als Lager und Verkaufslokal dienen. Holzbänke am Ufer und am Steg laden zu Pausen ein. Durch eine karolingische Torhalle und den gepflegten Friedhof mit Eisenkreuzen und kunstvollen Grabsteinen gelangt der Konzertbesucher in die Wallfahrtskirche des Klosters Frauenwörth, eine der ältesten Kirchen Bayerns. 782 wurde das Kloster an sicherer Stelle im See vom Herzog Tassilo III gegründet und bewahrt bis heute das Andenken an die heilige Irmengard. Die dreischiffige romanische Kirche verfügt über eine ausgezeichnete Akustik und ist bestens für die Konzerte mit Kirchenmusik geeignet, welche das Programm des Eröffnungskonzertes dominiert. Der Kammerchor und das Orchester KlangVerwaltung bestreiten das Konzert mit Werken von Antonio Vivaldi und sind beides Institutionen, die von Enoch zu Guttenberg ins Leben gerufen wurden. Der Italiener Fabio Bondi ist ein ausgesprochener Kenner und Meister der alten Musik und leitet den Abend und tritt auch als Solist des Violinkonzertes D Dur von Antonio Vivaldi auf. Er hat es mit feinster Intonation und klarer Bogenführung weniger im Ansinnen als mit emotionaler und akrobatischer Ausgestaltung. Schwungvoll, tänzerisch und farbenreich setzt er seine Interpretation des Konzertes zwischen die beiden sakralen Werke des roten Priesters aus Venedig. Zu Beginn steht eine gefühlvolle Interpretation des Stabat Mater mit der Mezzosopranistin Olivia Vermeulen. Mit den ersten Worten lässt ihre Stimmfarbe aufhorchen. Ein besonderer Schmelz, warm und nicht zu dunkel zeichnet ihre Stimme aus, die schmeichelt und fein intoniert. In der Tiefe verliert sich die Klarheit etwas. Elegant zieht sie die langen Melodiebögen und lässt Legati leicht und offen ausklingen. Das Orchester begleitet die Solistin aufmerksam, den leicht treibenden Rhythmus der Barockmusik anklingend. So grenzen sich die einzelnen Nummern dieses grossen Werkes des barocken Meisters fein voneinander ab und bekommen ihre eigene Prägung. Als drittes Werk kommt mit dem Gloria Dei ein grosses sakrales Werk für Chor und Orchester sowie Sopran und Mezzosopran zur Aufführung. Dreimal hat er die Hymne Gloria in excelsis Dei vertont, hier kommt die zweite RV 589 zur Aufführung und besteht aus zwölf einzelne Stücke, die sich harmonisch aneinaderreihen und ein grossartiges. Ganzes bilden. Ein Meisterwerk der Barockmusik. Neben der wiederum überzeugenden Olivia Vermeulen tritt die Sopranistin Roberta Invernizzi auf. Ihr Sopran ist sicher mit heller Klangfarbe, zeigt aber wenig Klangfülle und Ausdruckskraft. Betonungen und Intonation bleiben schattenhaft. Fabio Bondi dirigiert und greift zur Solovioline und führt das Orchester mit eiserner Hand aufmerksam und wiederum sehr lebendig. Wirkungsvoll vereinen sich verschiedene Instrumentensoli mit dem Gesang. Im Altarbild schwebt die heilige Irmengard über dem Kloster und der Fraueninsel. Die Musik scheint sie an diesem Abend in den Himmel tragen. Meditativ wirkt in dieserUmgebung die Musik auf den Zuhöre, der sich leicht vom Schwung und der Aura im Raum ergreifen lässt. Viel Beifall für diesen kurz geratenen Konzertabend, eine Zugabe aus dem Gloria Dei verklingt und draussen wartet lässt ein tiefroter Sonnenuntergang keine Wünsche an den roten Priester offen.

Dr. Helmut Pitsch

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