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Europakonzert 2026 Schloss Esterházy Eisenstadt
Europakonzert in Eisenstadt - Raum und Musik verschmelzen zu sinnlichem Genuss
Seit 1991 erinnern die Berliner Philharmoniker an ihre Gründung 1882 mit einer aussergewöhnlichen Konzertreihe - Europakonzert genannt - alljährlich am 1. Mai. Diese Konzerthöhepunkte finden an bedeutenden kulturgeschichtlichen Orten statt. Dieses Jahr fiel die Wahl auf Schloss Esterhazy, eines der schönsten Barockschlösser Österreichs.
Der Familiensitz des reichen ungarischen Adelsgeschlechts in Eisenstadt war im 18. Jahrhundert gesellschaftlicher Mittelpunkt und ist auch berühmt als Wirkungsstätte von Joseph Haydn. Der bedeutende Vertreter der Wiener Klassik war für über 30 Jahre dort Hofmusiker und viele seiner Werke erlebten hier ihre Uraufführung. Der prunkvolle Festsaal mit seinen Fresken trägt nun auch seinen Namen. Der Haydnsaal wird intensiv für Konzerte genutzt und ob seiner ausgezeichneten Akustik gerühmt. Diese ist aber in ihrer hellen Klarheit auch tückisch. So ist es mehr als verständlich und künstlerisch richtig, das Programm mit Musik der Wiener Klassiker, der Epoche des Entstehens des Schlosses und Neoklassizismus zu gestalten.
Die Berliner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Kirill Petrenko beginnen erwartungsgemäß mit dem Genius loci Joseph Haydn. Seine Ouvertüre in D-Dur Hob.Ia:7 gelingt mit gefühlvoller Leichtigkeit und Schwung. Das kurze Jugendwerk ist keiner Oper zuordenbar, zeigt aber schon die kompositorischen Fortschritte in eine neue Epoche der Musikgeschichte. Petrenko lässt die Berliner Philharmoniker schwingen und in der Klangfülle zart bleiben. Wie ein Hauch fließen die Töne durch den Saal.
Igor Strawinsky verwendete für seine Pulcinella-Suite Werke von Giovanni Pergolesi als Vorlage. Ganz im Zeichen des Barock stehen die Sätze am Beginn. Ein Streichquartett eröffnet und erst gemächlich nähert sich Strawinsky seinem vom Rhythmus und zackigen Melodien getriebenen Kompositionsstil. Dabei bleibt er im Klang transparent und kammermusikalisch mit vielen Instrumentensoli. So zeigen sich die brillanten Musiker ausgeprägt in ihren Vorstellungen.
Ebenso liess sich Piotr I. Tschaikowski für seine Variationen über ein Rokoko-Thema für Violoncello und Orchester, op.33 von der Epoche der Wiener Klassik inspirieren, hier von der Klangwelt eines Wolfgang Amadeus Mozart. Technisch und in klanglicher Meisterschaft begeistert Gautier Capucon als Solist. Gefühlvoll mit Präzision setzt er die Töne, sein Strich gleitet weich über die Saiten seines edlen Instruments. Der Solopart ist besonders ausgeprägt, zumeist auch in den anspruchsvollsten höchsten Registern. Dort ist perfekter Fingersatz für klare Töne gefordert sowie gefühlvolle Führung, um schleifende Töne zu vermeiden. Hier zeigt Capucon mühelos seine Klasse.
Das hellauf begeisterte Publikum wird mit einer besonderen Zugabe belohnt. Gemeinsam mit den Cellisten der Berliner Philharmoniker führt Capucon das bedeutendste Werke des großen Cellisten Pablo Casals "Das Lied der Vögel" auf. Der Spanier feiert dieses Jahr seinen 150 Geburtstag. Er widmete dieses Werk dem Frieden auf der Welt. Die getragene elegische Melodie prägt sich in ihrer Einfachheit und Wiederholung in das Empfinden ein und berührt, insbesondere in der Qualität dieser Darbietung.
Nach der Pause darf das Orchester und der Dirigent mit einer rasanten aber nicht gehetzten Wiedergabe der Sinfonie Nr. 2 D-Dur, op. 36 von Ludwig van Beethoven glänzen. Das Werk entstand in Zeiten der beginnenden Taubheit des Komponisten und Musikwissenschaftler erkennen in ihr Hoffnung und Kampfeswillen Beethovens gegen diese schicksalshafte Erkrankung. Gleichzeitig dokumentiert sie seine kompositorische Reife, die Sonatenhauptsatzform ist vollendet, der zweite Satz Adagio nimmt breiten nahezu dramaturgischen Raum ein, das Scherzo ersetzt das Menuett und das Finale wird spannungsvoll durch Fermate und Generalpausen unterbrechende Steigerungen. Hier triumphieren die ausgezeichnet vorbereiteten Musiker mit exaktem Spiel und feinster Nuancierung. Ein wahres Highlight und höchster Musikgenuss in architektonischer Pracht.
Großer Jubel im Publikum. Rasch verabschieden sich die hochrangigen Gäste ohne Zugabe.
Dr. Helmut Pitsch
02. Mai 2026 | Drucken
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