Eugen Onegin strikt am Tisch Tschaikowski neu aufgefrischt in Wien

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Eugen Onegin strikt am grossen Tisch Tschaikowski neu aufgefrischt in Wien

Ein großer Tisch, eine muntere elegant gekleidete Gesellschaft ist darum ausgelassen versammelt, nur eine junge Frau sitzt etwas abseits und ist in Gedanken versunken nicht an den Gesprächen beteiligt. So beginnt die Interpretation von Dmitri Tcherniakov von Eugen Onegin, der wohl bedeutendsten Oper des russischen Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowski. In wie weit dieses Werk autobiographische Züge enthält wurde immer wieder diskutiert, auf alle Fälle strahlt seine Musik Romantik aus geprägt von russischer melancholischer Seele. Die Libretto Vorlage stammt vom großen russischen Lyriker Alexander Puschkin und erzählt von der unerwiderten Teenager Liebe Tatjanas und der idealisierten späterkannten Liebe Onegins.

Dmitri Tcherniakov ist ein vielgeachteter und -beschäftiger Opernregisseur. Diese Arbeit wurde 2006 für das Mariinsky Theater in Moskau geschaffen und wurde über London und Paris zu einer Kultinszenierung. Auf diesen Zug springt nun Bogdan Roscic, der neue Wiener Opernintendant, der lieber Bewährtes einkauft als Neues versucht.

In dieser Arbeit hat Tcherniakov auch die Bühne entworfen. Der große Tisch dominiert alle Bilder und wir bewegen uns an dem Abend in lediglich zwei Räumen, dem Salon der Larins auf dem Lande und im Ballsaal des Palais des Fürsten Gremin in St. Petersburg. Geschickt verlegt der Regisseur alle Vorkommnisse in diese Räume auch wenn es nicht der Vorlage entspricht. Die huldigenden normalerweise im Garten vorbeiziehenden Landarbeiter der Larins sitzen mit am Tisch, der vielsagende Brief Tatjanas (mit der berühmten Arie) wird am und auf dem Tisch verfasst, das Duell wird zum unglücklichen folgenschweren Handgemenge im Salon und auch die emotionsgeladene Schlussszenen zwischen Tatjana und Onegin findet gesittet am Tisch im Ballsaal statt.

Mehr Gewicht legt der Regisseur in die Zeichnung und Ausgestaltung der Bewegung der Handelnden. Gefühlsregungen, höfisches Protokoll und strenge Erziehung finden in der spannend gestalteten Handlung Eingang. Die vornehmlich jungen Sänger engagieren sich mit viel Einfühlungsvermögen in die Charakterzeichnung ihrer Rollen, stimmlich bleiben Defizite. So ist Nicole Car, kurzfristig als Tatjana eingesprungen, ein klangschöner, höhensicherer Sopran, aber einseitig in der Färbung und im Ausdruck. Andre Schuen kann als Onegin nicht überzeugen. Großgewachsen mit wallender Lockenmähne ist er eine attraktive Erscheinung und die schwärmerische Liebe der ebenso attraktiven jungen Tatjana ist verständlich.  Die Rolle spielt er hölzern und seelenlos. Sein Bariton zeigt nur im Ansatz seine Seite als eiskalter demütigender Adeliger sowie von seinem inneren aufwühlenden Liebeskampf. Zu wenig Volumen und weiche Unterlegung macht seine Stimme zu klein gegenüber dem groß aufspielenden Orchester.

Kalt und robust ist die Zeichung der Olga, Tatjanas Schwester, die hier sehr aktiv an der Demütigung ihres Liebhabers Lenski mitwirkt und sich sichtlich zu Onegin hingezogen fühlt. Zusätzlich verstärken ihr blonden Haare streng im Zopf gebunden diesen Eindruck. Anna Goryachova formt geschickt mit ihrem schönen weichen Mezzosopran einen doppelten Boden als Unschuld vom Lande hierzu.

Ausgedehnt ist der Auftritt des Lenski, der auch die Arie des Monsieur Triquet als Huldigung für das Namenstagskind übernehmen darf. Bogdan Volkov bringt Wärme, Begeisterung und Verzweiflung facettenreich zum Ausdruck. Sein Tenor ist sicher und auch grossen Schmelz überzeugend.

Die große Bassarie des Fürsten Gremin gelingt Dimitry Ivashchenko stimmlich einwandfrei aber wenig berührend. Es fehlt dunkle wuchtige Tiefe und die oft gehörte russische Seele in den tiefen Männerstimmen.

Tomas Hanus dirigiert den Abend friktionsfrei und klar. Die feinen lyrischen Szenen schöpft er nicht aus und begleitet oft mit mächtigen dramatischen musikalischen Aufbauten. Dies erzeugt Spannung und treibt das Geschehen in dieser packenden Umsetzung.

Eine gelungene Neuproduktion, die zurecht mit Begeisterung aufgenommen wird.

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