Elektra an der Greek National Opera : Kulturhotspot Athen

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Nahezu unkommentiert von der internationalen Presse ging in Athen am letzten Wochenende die Eröffnung des neuen Opernhauses der Greek National Opera - der griechischen Staatsoper im Stavros Niarchos Foundation Cultural Center über die Bühne. Dabei sendet dieses Ereignis ein wichtiges kulturelles Lebenszeichen dieses von wirtschaftlichen Krisen gebeutelten Landes. Vor den Toren der griechischen Hauptstadt, nahe des bedeutenden Hafen Piräus entstand in den letzten Jahren auf einer Fläche von 210.000 qm ein nachhaltiger Kultur, Ausbildungs- und Erholungskomplex, finanziert von der Stavros Niarchos Foundation.  Der Stifter war eine schillernde Figur der Gazetten und einer der bedeutendsten Reeder, der einen erbitterten Wettkampf mit dem ebenso erfolgreichen Aristoteles Onassis führte. Die Reeder sind die Berufsgruppe, die in der Finanzkrise des griechischen Staates ob ihrer Steuerfreiheit angeprangert werden. Mittlerweile finden sich heute einige herausragende Projekte, mit denen diese der Öffentlichkeit etwas zurückgeben.

Das Stavros Niarchos Kulturzentrum wurde vom Stararchitekten Renzo Piano gestaltet und beherbergt neben der Oper auch die staatliche Bibliothek, offen für alle modern ausgestattet. Dazu gehört ein Park der förmlich ins Gebäude integriert ist. Architektonisch besteht das Zentrum aus zwei miteinander verbundenen Gebäudeteilen. Eine bedächtig aus dem Park heraus ansteigende bewachsene schiefe Ebene prägt die Nationalbiblothek, ein durchsichtiger Glasblock verbindet diese mit dem Operngebäude, einem fünfstöckigen Glaswürfel gekrönt von einem riesig anmutendem ausladendem Dach auf hohen schlanken Stelzen. Darunter befindet sich eine begehbare Plaza und ein grosses Restaurant, beides für die mittlerweile nahezu überall und ständig stattfindenden Events. So integriert sich das grossflächige in hellgrau gehaltene Gebäude kaum erkennbar anmutig in die schmucklose Umgebung ein und verschmilzt mit dem glitzernden Meeresspiegel vor der Haustür. Milde Oktoberabende verleiten zum gemütlichen Wandelgang auf der Terrasse vor dem Gebäude mit mit grossem Pool. So wird die Hektik und der Lärm der Grosstadt schnell vergessen.

Drinnen erwartet den Besucher ein helles zweckmässig gestaltetes Foyer bevor er den traditionell nachempfundenen Zuschauerraum im gestreckten Halbrund betritt. Zinnoberrote Wände und Sitze dominieren neben eleganten weichen Brauntönen für die Verkleidung der vier Ränge. Bis zu 1400 Zuschauer fasst das Haus. Die Technik der grossflächigen Bühne mit Hinterbühne ist auf dem letzten Stand, sodass auch mehrere Bühnenbilder Platz finden. Anerkannte Spezialisten sorgten für eine vielgelobte und für den Zuhörer erkennbare Akustik, die sich durch einen warmen, vollen aber klar abgrenzbaren Klang auszeichnet. Hier ist ein im Gesamtbild ausgezeichnetes ansprechendes funktionales Bauwerk entstanden. Die Athener haben das Gebäude auch mit Begeisterung aufgenommen und die Besuchszahlen des Kulturzentrums liegen bereits über den Erwartungen.

Mit Elektra von Richard Strauss eröffnet die griechische Staatsoper das neue Kapitel ihrer Geschichte,  ein anspruchsvolles Opernwerk mit tiefem griechischen Bezug. Noch nie wurde dieses tragische expressionistische Werk mit über hundert Musikern im Orchester von der griechischen Staatsoper aufgeführt. Der international renommierte griechische Regisseur Yannis Kokkos sieht in Elektra zwei Gesichter, die durch Verletzung und Ungerechtigkeit wilde und ungestüme Rächerin und die durch unsagbaren Schmerz religiös geadelte Heilige. Die Bühne wird zum Schauplatz von Ungerechtigkeiten, Obsessionen, Wahnsinn und Phantasie, dreckigem Sumpf und goldenem Palast, trotz antiker griechischer Wurzel bleibt der Stoff tagesaktuell. Das Bühnenbild auch von Yannis Kokkos ist zeitlos undefiniert. Eine golden ausgelegte Treppe, mit einem Gitter verschlossen stellt den Palast dar. Hohe glatte Seitenwände muten wie mächtige Felsen, ab und an tiefrot angestrahlt. Die Kostüme von Lili Kendaka sind ebenso zeitlos. Lange schmucklose dunkel gehaltene Kleider für die weiblichen, Mäntel für die männlichen Darsteller. Sabine Hogrefe steht den gesamten Abend im Mittelpunkt als Elektra auf der Bühne. Nicht von ungefähr zählt die Partie zu den anspruchsvollsten der Opernliteratur. Die norddeutsche Sopranistin konzentriert sich auf den Gesang, bleibt wortverständlich, sprüht kaum dramatisches Gift sondern lässt sich auf anmutigen Gesang ein. Bis fast ans Ende reicht die Kraft ihrer Stimme an diesem Abend, im letzten Bild haucht sie sowohl Stimme als auch Seele aus ihrem Körper und fällt nach einem stampfenden Opfertanz in sich zusammen. Markant und präsent setzt sich Gun-Brit Barkmin als ihre Schwester Chrysothemis in Szene. Ihr Sopran ist in eine kräftige schillernde Farbe eingehüllt. Dramatik versprüht ihr hoffnungsvoller Lebensgeist. Die Besetzung der Clytemnestra bringt ein Wiedersehen mit dem griechischen Weltstar Agnes Baltsa. Schon ihr Erscheinen auf der Bühne zieht die Aufmerksamkeit an. Weiss und kurzgeschnitten ist jetzt ihre Haarpracht, elegant und bewusst sind die wenigen Bewegungen gesetzt, fest und klar ihre Stimme mit der satten Klangfarbe des gereiften Soprans. Ein Wiedersehen, welches Freude bereitet. Mit ihrem Auftritt pro bono unterstützt und anerkennt sie die Bemühungen der griechischen Staatsoper. Internationale Erfahrung hat auch der griechische Bariton Dimitris Tiliakos als Orest. Totgeglaubt kehrt er von Elektra langersehnt zurück, um die Ungerechtigkeit an dem abgöttisch geliebten Vater Agamemnon zu rächen. Ruhig und lyrisch bleibt er in seiner Interpretation und singt ohne Druck.

Druck und Kraft setzt Vassilis Christopoulos als Dirigent im Orchestergraben ein, um seine vielen Musiker bei Tempo und Konzentration zu halten. Wahrste symphonische Ergüsse werden in der Partitur bis an die Grenzen der Tonalität auf die Zuhörer geschüttet. Diese heisst es im Zusammenspiel aufzubauen, in den Instrumentengruppen abzustimmen und gleichzeitig zum Siedepunkt zu bringen. Das Selbstbewusstsein im Orchester wächst spürbar im Laufe des Abends und explosiv schwungvoll stimmen die Musiker in den Abschlusstanz Elektras ein. Brachial und monumental das Ende vor fast ausverkauftem Haus. Das Publikum klatscht euphorisch, die obligaten Handys laufen im Kameramodus heiss und nur zögerlich bewegt sich das elegante Publikum, nochmals Blicke auf das neue Haus werfend. Jetzt sollte noch der öffentliche Nahverkehr seinen Weg zum neuen Kulturzentrum finden, dann wird dieses Opernhaus sicher die Kulturlandschaft in seiner ganzen Breite Griechenland bereichern.

Dr. Helmut Pitsch

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