Eindrucksvolle Mahnung im Grazer Opernhaus

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Eindrucksvolle Mahnung im Grazer Opernhaus

 

Mieczyslaw Weinberg schuf seine bedeutendste Oper  "die Passagierin" 1968. Die Uraufführung wurde vom kommunistische Regime bis 2006 verhindert. Die szenische Welturaufführung gelang den Bregenzer Festspielen 2010 mit grossem Erfolg. Der Siegeszug des Werkes begann sowie eine Entdeckung der Musik des bis dato vergessenen polnischen Komponisten.

"Vergesst uns nicht" - "Vergebt niemals" ist die zentrale Mahnung des Werkes des jüdischen Komponisten. Die Handlung basiert auf der wahren Geschichte der Polin Zofia Posmysz. Als Überlebende des KZ Ausschwitz begegnete Sie nach Kriegsende Ihrer erbarmungslosen Wärterin. Diese Umstände und Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in einem Roman. Dimitri Schostakowitsch war von der Aussage und Wirkung der Vorlage begeistert und forderte Alexander Medwedew auf, ein Libretto zu verfassen. Sein weiterer Freund Mieczyslaw Weinberg schuf aus dem Stoff seine Oper.

Die Handlung läuft in zwei Ebenen. Die deutsche Lisa Franz befindet sich auf der Schiffsreise mit Ihrem Gatten Walter nach Brasilien. In einer Passagierin erkennt sie vermeintlich eine ehemalige Insassin des Konzentrationslagers Ausschwitz. Erst am Schluss der Oper wird ihre Ahnung bestätigt. Durch die Begegnung kommt Ihre wahre Geschichte ans Licht und es kommt zum Konflikt mit ihrem Ehemann. Ihr Geständnis sowie ihr Handeln im Konzentrationslager wird nun bildhaft in die Jetztzeit integriert.  Der Betrachter durchlebt das Schicksal der von ihr beaufsichtigten und drangsalierten weiblichen Gefangenen. Keine Reue oder Schuldbewußtsein für ihr Verhalten ist erkennbar. Die gesellschaftspolitische Aussage besticht und die Aktualität des Vergessens ist frapant.

Mieczyslaw Weinberg verpackt das Leid und die Dramatik des Stoffes in eine Musik voller intimer Gefühlstärke, seelischer Verinnerlichung und klarer Tonsprache. Er verarbeitet Stilmittel des Expressionismus, der Romantik, des Barock bis zur Volksmusik und Jazz. Die große Orchesterbesetzung ermöglicht eine Vielfalt von Klangfarben. Mit einer kunstvollen rhythmischen Unterlegung steigert er die Dramatik und enthält sich weitgehend wuchtiger Entladungen.

Am Pult erarbeitet Roland Kluttig eine prägnante, mit Feingefühl ausbalanzierte musikalische Interpretation. Die Orchestermusiker sitzen auch in den seitlichen Logen und müssen von ihm einbezogen werden, ebenso die klaren Einsätze für die Sänger. Deutlich ist eine Klangsprache spürbar die unaufdringlich erscheint aber ihre Wirkung nicht verfehlt.

Nadja Loschky schuf eine ebenso intelligente wie gefühlvoll subtile Regie. Die Bühne von Etienne Plus besteht nur aus einem Bühnenbild. Ein schmuckloser weiss vergilbter Raum, der sowohl als graues grauenvolles Lager wirkt sowie mit wenig wechselndem Inventar das Innere eines Schiffes erkennen lässt. Diese Monotonie im Bild steigert die Dramatik und lässt die beiden Zeitebenen geschickt verschmelzen. Lagerwärter, Lagerinsassen, Schiffsgäste und - Personal bewegen sich gleichzeitig auf der Bühne und erscheinen in beiden Zeitebenen auf. Die ausgeklügelte Personenregie schafft große Momente der intimen Nähe, der schicksalhaften Macht und Machtlosigkeit.

Bemerkenswert ist die Umsetzung all dieser Gefühlsebenen durch die durchgehend bestens besetzten Sänger. Dshamilja Kaiser erstrahlt mit ihren kräftigen Mezzosopran in klarer Färbung als unbelehrbare Lisa. Im Spiel ist die Rolle mehrfach besetzt. Isabella Albrecht wirkt als gealterte Lisa  den gesamten Abend markant auf der Bühne  mit. Zuletzt spricht sie auch ein paar Worte. Viktoria Riedl ist die junge herzlose Lisa als Lagerwärterin in militärischem Drill, deren vermeintlich gute Taten auf Ablehnung und Hass stossen. Will Hartmann ist ihr Gatte Walter, der an ihrem Geständnis zu zerbrechen scheint. Tief sitzt sein Tenor mit baritonalem Timbre.  

Nadja Stefanoff drückt gekonnt die starke Persönlichkeit der Lagerinsassin Marta und Gegenspielerin Lisas, die wohl überzeugendste Darstellung des Abends. Mit Willensstärke und Selbstdisziplin erträgt sie die Verachtung und  Erniedrigungen, im Stolz ungebrochen. Berührend weich und lyrisch vereint  sie sich mit Markus Butter in der Rolle ihres Verlobten Tadeusz.

Eva Maria Schmid als Katja, Antonia Cosima Stanen als Krystina, Anna Brull als Vlasta und Sieglinde Feldhofer als Yvette treten als weitere Insassen des Lagers und Leidensgenossinnen auf. In den einzelnen Szenen berührt ihr elegischer Gesang von Verzweiflung und Angst geprägt aber auch von innerer Verbundenheit im gnadenlosen Schicksal.

Die Aussage des Libretto, die ergreifende musikalische Prägung des Werkes in Verbindung einer  mitreissenden Umsetzung gehen unter die Haut, bleiben nicht ohne Wirkung und haften im Gedächtnis des Zuhörers.

Im Anbetracht der Vorboten eines neuerlichen Lockdowns und des Verbots jeglicher Kulturveranstaltungen ergreift dieser große Opernabend und untermauert die gesellschaftliche Relevanz von Kunst und Kultur. Grosser Beifall beim Publikum für die Künstler.

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