© Wiener Staatsoper Michael Pöhn
Solokonzert Anna Netrebko Staatsoper Wien 18.2.2026
Ein Liederabend der Extraklasse Anna Netrebko in Wien
Ein barockes Tischchen mit Kerzenleuchter und ein Sessel zieren ungewöhnlich für einen Liederabend neben Flügel und Notenständer die vom Samtvorhang abgeteilte Bühne der Wiener Staatsoper. Vor gänzlich ausverkauftem Haus ladet so die Starsopranistin Anna Netrebko ihre Gäste zu einem sehr persönlich geprägten Liederabend mit einem erlesenen wie anspruchsvollen Programm ein.
Ihr zur Seite stehen auf der Bühne Pavel Nebolsin am Klavier, der bereits öfters mit ihr souverän als Begleiter aufgetreten ist und auch in den Soloeinlagen (Piotr I Tschaikowski aus Nussknacker und Astor Piazzola) sein Können an den Tasten aber auch als Improvisator und Arrangeur unter Beweis stellt. Auch mit Elena Maximova ist Netrebko immer wieder in ihren Liederabenden aufgetreten. In ihren Stimmprägungen passen die beiden gut zusammen wie die Duette aus Leo Delibes Lakme und Piotr I Tschaikowski Pique Dame wiederum zeigen. Neu ist in der Runde der Freunde Kurt Mitterfellner. Der junge Geiger entstammt einer russisch österreichischen Musikerfamilie und ist Konzertmeister des Mahler Jugendorchesters. Seine Meisterschaft auf der Violine fügt sich gut in die Gestaltung des Abends, der sanfte weiche Klang in den Höhen passt zu den Sopranpartien und tritt in besonders reizvollen Dialog in Liedern von Richard Strauss wie "Morgen".
Sehr kameradschaftlich integriert die gefeierte Ausnahmekünstlerin Netrebko ihre Kollegen, das Augenmerk und die Konzentration des Publikums oder besser ihrer Fangemeinde bleibt auf sie gerichtet und diese werden üppigst belohnt. Sie ist eine Bühnenerscheinung der Extraklasse. Locker bewegt sie sich mit wenigen aber ausdrucksvollen Gesten, tritt in lebendigen Kontakt mit Publkum und Kollegen. Ein Strich über die Schulter, ein verträumtes Anlehnen an den Geiger oder ein Umarmen ihrer Kollegin erwecken den Abend zu Leben, zu einem halbszenischen Erlebnis.
Gesanglich bleiben keine Wünsche offen. Von russischen Liedern und Opernarien über französische und italienische Ausschnitte aus Opern überzeugt sie auch mit deutschen Kostproben von Richard Strauss. Viel hat sie an ihrer Aussprache und Wortdeutlichkeit gearbeitet, ihre Gefühle bringt sie nuanciert ein. Hatte sie in der letzten Spielzeit ihr angekündigtes Rollendebüt als Ariadne in dessen Oper Ariadne auf Naxos in Wien abgesagt, feiert sie an diesem Abend einen großen Erfolg mit einem Auszug aus dieser Oper. In dem Monolog „es gibt ein Reich“ lebt der Zuhörer ihre Todessehnsucht mit, zehrt an der verlorenen Liebe und verfällt mit ihr in Schwermut.
Mit Anmut und brillianter Technik wird die Cavantina der Giuletta aus Vincenzo Bellinis I Capuleti zum weiteren Höhepunkt, soweit in den Programmpunkten überhaupt differenziert werden kann. Der Abend zeigt ihre Ver- Wandlungsfähigkeit mit der sie als Sängerin und Schauspielerin in kürzester Zeit Charakter, Gefühle und Emotionen auf das Publikum übertragen kann. Breit ist das Spektrum an Klangfarben und sowohl in der Höhe als auch Tiefe bleibt sie leicht und sicher in der Intonation.
Nach zwei Stunden höchster Gesangskunst verabschiedet sich das Quartett mit einer kurzen Szene aus Wolfgang Amadeus Mozart Il nozze di Figaro (ein weiterer kurzer Beweis höchster Affinität zur Wiener Klassik im Vorbeigehen eingeflochten) und dem Ohrwurm „non ricordati di me“ von Francesco Paolo Tosti.
Großer langer Jubel
Dr. Helmut Pitsch
20. Februar 2026 | Drucken
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