Ecuba von Nicola Manfranco - Martina Franca steht für spannende Entdeckungen

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Wenig ist über das kurze Leben des kalabresischen Komponisten Nicola Manfranco bekannt. 1791 geboren wurde seine musikalische Begabung früh erkannt. Mit 12 Jahren kam er an das Konservatorium in Neapel und später nach Rom. Mit 22 Jahren starb er an einer unbekannten Krankheit 1813 in Neapel. Trotzdem hinterließ er ein umfangreiches Werk, unter anderem zwei Opern Alzira und Ecuba. Viele seiner Werke schlummern noch in Bibliotheken. Ein Schatz der sicher auf der Suche nach unbekannten Meisterwerken für viele Festspiele und Musiker interessant ist. Typisch für viele Barockopern greift Manfranco auch hier auf einen griechischen Stoff zurück, auf das Schicksal der trojanischen Königin Ecuba, Frau von König Priamus und Mutter von Hector, der von Achill im Kampf getötet wurde. Dieser Verlust ist Auslöser der folgenden Tragödie. Um den Krieg zu beenden beabsichtigt Priamus seine Tochter Polissena mit Achill, dem eben jenen tapferen Kämpfer der Griechen zu vermählen. Ecuba fordert in einem Duett von ihrer Tochter den Mörder ihres Bruders am Traualtar zu rächen. Am Ende stürmen die Griechen während der Hochzeitszeremonie die Mauern Trojas, Achill wird von Ecuba hingerichtet, Priamos von den Griechen getötet und Polissena als Opfer abgeführt. Ecuba bleibt alleine und verflucht in einem grossartigen Schlussgesang ihr Schicksal.

Insgesamt überzeugt die Musik durch eine schwungvolle sehr positive musikalische Ausdrucksweise, die dem tragisch dramatischen Stoff keine elegische Stimmung verleiht. Durchdrungen von zahlreichen Arien und melodienreichen Rezitativen ist der Kompositionsstil Manfredos bereits im Belcanto angekommen und stellt mit seinen Koloraturen, langen Legati und Tonsprüngen entsprechende Herausforderungen an die Sänger. Die dreiaktige Oper wird ohne Unterbrechung in Martina Franca in zwei Stunden durchgespielt, was gut ist. Die musikalische Interpretation des jungen Dirigenten Sesto Quatrini, der die Leitung von Fabio Luisi übernommen hat, ist schlüssig und sein forsches akurates Tempo wirkt positiv. Ouvertüre und verschiedene orchestrale Zwischenspiele gestaltet er sehr abwechslungsreich zwischen den verschiedenen Instrumentenpartien, trennt Stimmen sauber voneinander oder legt sie gekonnt übereinander, um breiten Klang zu erreichen. So färbt er die Musik harmonisch zu dem breiten Handlungsbogen zwischen Liebe, Rache, Krieg und Opferfeierlichkeiten. Das Festivalorchester, das Orchestra del Teatro Petruzelli di Bari, übernimmt bestens seine Vorstellungen und folgt mit spürbarer Begeisterung. Besonders hervorzuheben ist die Leistung des Coro del Teatro Communale Di Piacenza, der sehr gut vorbereitet am Handlungsablauf als trojanische Hofgesellschaft teilnimmt. In gewohnter Weise setzt PierLuigi Pizzi diese Neuinszenierung in schönen Bildern mit geringen Mitteln um. Wiederum steht dieselbe weisse dreiteilige Rahmenkonstruktion auf der Bühne im Innenhof des Palazzo Ducale, bereits bekannt aus der Oper am Vorabend Il matrimonio segreto. Diesmal ist der Raum leer, an den Rändern sind Treppenaufbauten und in der Mitte thront ein ebenfalls schmuckloser weisser Altar. Der Leichnam Hectors wird zu Beginn hereingetragen. In violetten langen Talaren treten die Frauen auf, in langen schwarzen Kutten die Männer des trojanischen Volkes und stimmen in die Trauer ein.

Lidia Fridman beweint mit weichem verzehrendem Klang den Tod ihres geliebten Sohnes. Sie versteht es die Titelrolle in allen Schattierungen auszumalen mit ihrem schlanken klaren tief angesetzten Sopran, der in jeder Lage sicher intoniert. Mert Sungu überbringt als wenig strahlender Priamo die Botschaft der beabsichtigen Vermählung. Norman Reinhardt gewinnt nach einem verhaltenen Start als Achillo an Ausdrucksstärke und Leichtigkeit und meistert die anspruchsvolle Partie mit leichten Unsicherheiten in den sprunghaften Kapriolen. Sein lyrischer Tenor bringt auch Schmelz und Kraft. Roberta Mantegna überzeugt in jeder Hinsicht als Polissena. Mit ihrer ausgefeilten Technik zeichnet sie die Koloraturen präzise, intoniert sicher jeden Ton ohne zu gleiten und bleibt dabei klar und verständlich. Berührend gibt sie sich ihrer Liebe an Achillo hin und zeigt ihren inneren Konflikt gegenüber der Begierde ihrer Mutter. Ehrfürchtig folgsam fügt sie sich ihrer Rolle als Tochter ein. Dem Festival d'Itria gelingt mit dieser Aufführung eine spannende, musikalisch ausgezeichnete Wiederbelebung dieses in Vergessenheit geratenen Werkes. So erlebt, erfüllt es seine Mission, Unbekanntes ans Licht zu bringen und ein Besuch des Festivals lohnt in jeder Hinsicht. Und wer noch nicht genug von Barock und Kunst hat, kann in dem stimmungsvollen schmalen Gassen einen bestens erhaltenen, weiss gekachelten historischen Stadtkern erleben, der jeden Abend Einheimische und Gäste zum Flanieren einlädt. In der von Landwirtschaft geprägten Umgebung gibt es jede Menge Trullis und kleine malerische Dörfer die zum Verweilen einladen. Ein Festival Abstecher der immer lohnt.

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