Don Giovanni der Kompromisslose in Garsington

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Die Werke von Wolfgang Amadeus Mozart haben Tradition auf dem Spielplan des Garsington Opera Festivals, das dieses Jahr sein 30 jähriges Jubiläum feiert. Auf privater Initiative von Leonard und Rosalind Ingram entstanden sind 94 neue Produktionen und 652 Aufführungen die Bilanz dieser Jahre. 2011 konnten die Veranstalter den neuen Aufführungsort auf dem Wemsley Estate, einem privaten Landgut der Getty Familie in der Nähe von London beziehen. Ideale Voraussetzungen für einen ausserordentlichen Opernabend oder besser Opernausflug sind gegeben. Malerische Landschaften, eine gross angelegter gepflegter Park, musterhaft geschnittener Cricket Platz und ein modernes transportabel gestaltetes Opernhaus mit verglasten Wänden, sodass die Natur bis auf die Bühne reicht und die Natur so die Lichtregie regiert. Mit Unterstützung zahlreicher Sponsoren und freiwilliger Helfer werden nunmehr vier Opern aufgeführt und ein Programm zur Förderung junger Künstler durchgeführt. Schon die Anreise durch das ausgedehnte Anwesen, beschattet von zahlreichen hochragenden Bäumen begeistert. In solcher Abgeschiedenheit und im Einklang mit der Natur kann sich der Besucher auf den Abend einstimmen und das mitgebrachte Picknick zur Stärkung oder den Champagner zur Einstimmung geniessen. Zur Aufführung wird mit harscher Klingel gerufen.

Michael Boyd führt Regie und Douglas Boyd steht am Pult dieser Neuinszenierung von Wolfgang Amadeus Mozarts grosser Oper Don Giovanni, ein begehrtes Werk, das schon viele Interpretationen erlebt hat. Für Michael Boyd ist der unbeirrbare Titelheld ein Charakter, der seine Identität und seine Gedanken nicht preisgibt aber alle Menschen um sich beeinflusst oder in seinen Bann zieht. Er macht ihn hier zum exzentrischen Künstler, einem Maler der mit grossen Pinselstrichen und Schütttechnik wirksame auffällige Gemälde schafft. Dazu ist er galant, auffällig, bewegt sich ausschweifend und ist von Unruhe getrieben. Ein Aussenseiter, der mit seiner Ausstrahlung und expressiven Gewandheit Seelen fängt. Ohne grossen Bühnenaufbau befinden wir uns den gesamten Abend zwischen den Werken des Meisters, die ab und an von der Seite verschoben werden. Grosse Schnitte in der Leinwand werden zu Türen oder lassen Charaktere verschwinden. Es ist die Personenregie und Personenführung, die wohltuend dominiert und sehr detailliert am Text entlang ausgearbeitet ist. Jede Bewegung findet sich im Libretto wieder. So wird der Handlungsablauf klar und sehr gut nachvollziehbar.

Jonathan McGovern ist unermüdlich und energiegeladen als rastloser Beutejäger Don Giovanni unterwegs. Ein Draufgänger, der nicht mit schwarzem T Shirt und Hose wenig auf Eleganz wertlegt. Auch stimmlich hält er sich nicht zurück und schafft von Anfang bis Ende eine ausgefeilte und sehr präsente Interpretation. Seine Stimme ist schön gefärbt, jugendlich im Klang, im Volumen gross genug für das Haus. Viel Raum gewinnt auch David Ireland mit seiner Rolleninterpretation des Leporello. Im Typus und Habitus ähneln sich die beiden, sodass das Zusammenspiel sehr echt und unterhaltsam wirkt. Zu zweit sind dei Beiden scheinbar unschlagbar, bis der steinerne Gast auf einem Holzgerüst erscheint und Don Giovanni auf dem Gerüst festgefroren in die Hölle verschwindet. Paul Whelan ist ein grosser Commendatore mit beschränkter Stimmgewalt. Seine Rufe erschüttern Don Giovanni oder das Publikum nicht, wohl überzeugt aber seine heroische Anklage. Seine Tochter Donna Anna findet in Camila Titinger eine leichte in der Höhe enge Stimme, die der Rolle wenig Glanz verleiht. Sky Ingram ist eine wütende keifende Elvira zu schrill in der Höhe. Trystan Lyr Griffiths zeigt als Ottavio nach einem ruhigen Start viel Lyrik und Seele. Mireille Asselin und Thomas Faulkner überzeugen mit ausgezeichneter Darstellung von Zerlina und Maseto. Beide Stimme sind klangschön und kräftig, höhensicher und flexibel in der Farbgebung.

Douglas Boyd unterstützt im Graben mit einem flotten aber nicht gehetzten Dirigat. Gross besetzt ist das Garsington Opera Orchester aber nie übersteuert. Sein Umgang mit den zahlreichen liedhaften leichten Melodien Mozarts ist unbekümmert und unverkrampft, sodass eine mitreissende lebendige und harmonische musikalische Umsetzung zustande kommt. Die gewisse englische Lässigkeit gepaart mit der jugendlichen Frische auf der Bühne begeistern. Viel Applaus und Bravi.

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