Die Tragik des aktuellen Kulturlebens an Hand der Tragik in der Oper in Hannover zum Ausdruck gebracht

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HANNOVER/Herrenhäuser Gärten: „SH*T HAPPENS“ - Premiere am 20. Juni 2020

Ein Konzertprogramm mit Protagonisten des Ensembles der Staatsoper Hannover im Herrenhäuser Heckentheater

Die Staatsoper Hannoverwar der Corona-bedingten Pause überdrüssig und kam wieder einmal in die Herrenhäuser Gärten, die das älteste Heckentheater in der Gartengeschichte beherbergen. Die Verbindung zwischen der ursprünglichen Schlossoper und den Gärten währt schon seit 1691, also 330 Jahre (!) - sogar beide Grundrisse ähneln sich sehr. Herrlich muten die vielen Statuen in den weitläufigen Gartenanlagen an. Jene im Heckentheater sind vergoldet und wechseln sich mit den konusförmig geschnittenen grünen Heckenpflanzen ab, sodass sich der Eindruck einer seitlich begrenzten und sich weit nach hinten ziehenden Bühne ergibt. „Summer Sessions 2020“ nennt die Staatsoper die Serie von Vorstellungen, die noch bis zum 12 Juli gehen. Man achtet streng auf die Hygieneauflagen der Pandemie-Anordnungen, also immer zwei leere Stühle zwischen zwei besetzten. Die Aufführung schien ausverkauft, die Leute waren hungrig auf live-Musik - wer konnte es ihnen verdenken?

Der Abend mit dem merkwürdigen Titel „Sh*t happens“- wobei natürlich klar ist, wofür das Sternchen steht - wurde von Helen Donathmoderiert, die häufig an der Staatsoper Hannover sang, wo sie auch ihren Mann kennenlernte, wie sie begeistert darstellte. Sie wagte gleich zu Beginn den Versuch einer Erklärung. Der Titel sollt auf die schwierige Lage, genauer, den aktuellen Gemütszustand verweisen, in denen sich die Kulturbranche in diesen Monaten durch die Corona-Pandemie befindet. Er steht damit für die eher negativ und tragisch ausgerichtete Programmwahl dieses Abends, an dem es in der Tat in die tieferen Lagen der Oper gehen sollte und auch ging. Wenngleich die Assoziation im Prinzip verständlich ist, musste ich zumindest die Nase rümpfen angesichts der Wortwahl der Intendanz für die Veranstaltung, mit der man erstens Klassik nicht unbedingt verbindet und die sicher direkt und möglicherweise von lebensbedrohenden Folgen der Pandemie Betroffenen nicht unbedingt zu vermitteln ist. Aber das nur am Rande.

An diesem Abend traten die beiden Flaggschiffe des Hannoverschen Sänger-Ensembles auf, der junge Chinese Long Longund die ebenso eindrucksvolle Usbekin Barno Ismatullaeva, Gewinnerin der Competizione dell’Opera in Tashkent im Jahre 2014, zuletzt als erstklassige Suor Angelica in Innsbruck zu erleben. Sie traten mit drei Bässen der Staatsoper auf, wobei Shavleg Armasi, ein schon 13 Jahre dem Ensemble angehöriger Georgier, hervorzuheben ist, und den noch recht jungen Pavel Chervinskyund Daniel Miroslaw. Gesungen wurde mit Mikroports, was aufgrund der nicht allzu großen Entfernung von den Zuschauern zu den Sängern nicht unbedingt erforderlich schien. Das zeigte sich später bei der Arie des Werther „Pourquoi me reveiller“ von Long Long, der die Mikroports zu diesem seinem ersten Auftritt schlicht vergessen hatte.

Tragendes musikalisches Element des Abends war ein von Valtteri Rauhalammidirigiertes Blechbläserensembleaus Mitgliedern des Niedersächsischen Staatsorchesters Hannover.Am Klavier agierte der Mexikaner Carlos Vásquez, schon viele Jahre der Staatsoper Hannover verbunden.

Die Blechbläser stellen ihre Qualität gleich zu Beginn unter Beweis mit der „Fanfare pour précéder La Péri“ von Paul Dukas und dem „Canzon duodecomi toni“ von Giovanni Gabrieli, welches durch seinen getragenen, ja fast hymnischen Vortrag Eindruck hinterlässt.

Dann kommt Pavel Chervinskymit der Arie des Massimiliano „Un ignoto tre lune or saranno“ aus „I Masnadieri“ von G. Verdi und der Arie des Müllers „Ach, to-to wise wy, djewki maladyje“ aus „Russalka“ von A. S. Dargomyschski. Man merkt, dass die Stimme zwar ein gutes Potenzial hat, der Sänger ja auch noch recht jung ist, sie aber technisch, und was die Resonanz betrifft, noch nicht ausgereift ist. Den ersten vokalen Höhepunkt setzt danach Long Longmit der o.g. Arie des Werther und lässt dabei nicht nur seine exzellente Stimmführung und Technik hören, sowie blendende und lang gehaltene Höhen, sondern auch etwas Italianità. Hinzu kommt eine gute Diktion und ein auch mimisch zutreffender Ausdruck. Das war schon beeindruckend.

Das darauf folgende Duett zwischen Barno Ismatullaevaund Shavleg Armasibringt mit der Auseinandersetzung der Leonora mit Padre Guardiano ein besonders dramatisches Element in das Programm. Die beiden singen „Or siam soli … infelice, delusa, reietta“ aus „La Forza del destino“ von G. Verdi mit viel Verve und einer gewissen darstellerischen Note durch entsprechende Mimik, mit der besonders die junge Usbekin glänzt. Der relativ hohe Altersunterschied der beiden trägt zur Überzeugungskraft der Szene bei. Ismatullaeva besticht durch ihr dunkel angehauchtes Sopran-Timbre und ihre mit Leichtigkeit und großem Ausdruck gesungenen Höhen. Aber auch die Intonation lyrischer Phrasen, dazu auch lyrisch angesungener Höhen, ist bemerkenswert. Bei ihr ist, de facto, auf jeder Note auch ein klangvoller Ton! Der erfahrene Armasi lässt einen gut facettierenden Bass mit beachtlichem Volumen und also Resonanz sowie großer Wortdeutlichkeit hören. Er hätte sich szenisch vielleicht noch etwa intensiver engagieren können.

Darauf singt Long Longdie Arie des Don Carlo „Io l’ho perdutta … Io la vidi“aus „Don Carlo“ von G. Verdi mit hoher musikalischer und und darstellerischer Intensität. Es wird einem immer klarer, warum er 2019 den begehrten Internationalen Gesangswettbewerb „Neue Stimmen“ der Bertelsmann-Stiftung unter 43 Teilnehmern aus fünf Kontinenten in Gütersloh gewann. Shavleg Armasisetzt sodann noch einmal eine Bass-Note mit der Arie des Königs René „Gospod moi“ aus „Iolanta“ von P. I. Tschaikowski. Ihm folgt Barno Ismatullaevamit der Arie der Iolanta „A tschevo“ aus „Iolanta“ vom selben Komponisten. Hier gelingt ihr neben der hohen stimmlichen Qualität auch die dramatische Durchdringung der Rolle.

Zuvor spielte das Blechbläserensemble die Ouvertüre von „La Forza del destino“ von G. Verdi. Der Vortrag belegt, warum dieses Stück eindrucksvoller mit Orchester gespielt wird. Der Blech-Klassiker „Brass Symphony“ von Jan Koestier klang da schon viel besser und runder mit sehr schönen auratsichen Tönen im Larghetto und hoher Dynamik im Rondo.

Daniel Miroslawbeendet den gesanglichen Teil mit der Arie des Grafen Walter„Il mio sangue, la vita darei“ aus „Luisa Miller“ von G. Verdi. Die Stimme ist relativ unflexibel, die Höhen klingen etwas eng. Auch fehlt Weichheit im Klang und somit Resonanz. Der gesamte Vortrag wirkt etwas monoton und offenbart die Notwendigkeit weiterer Arbeit. Aber der Sänger ist ja noch recht jung.

Den Schlusspunkt bildet die „Capriol Suite“ und Nr. 5 „Pieds-en-l’air“ von P. Warlock. Mit harmonischen Linien und ruhigen, fast hymnischen Tönen sowie weichem Klang stellt das Ensemble nochmals unter Beweis, was in ihm steckt, wenn nur das richtige Stück gespielt wird. Ein guter Ausklang in idyllischem Ambiente!                                         Klaus Billand 

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