Die Nase - gewagter Einstieg des neuen GMD in München

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Bayerische Staatsoper Dmitri Schostakowitsch Die Nase Premiere 24.10.2021

 

Hier bedeuten mehr Nasen mehr Privilegien, eine bessere Stellung und Macht. Wer keine Nase hat, ist machtlos, wer nicht politisch konform agiert, dem wird die Nase wegrasiert. Wie ein Science fiction Roman mutet die Novelle von Nikolai Gogol aus 1836 an, die der junge Dmitri Schostakowitsch in seiner ersten Oper "Die Nase" mit eigenem Libretto vertonte.

Die Handlung der dreiaktigen Oper in 10 Bildern selbst ist kurz, die Sinnbilder in ihrer Interpretation von politischer Sprengkraft in der Zeit der Bolschewiken und Diktatoren in Russland.

Der Kollegienassessor Kusmic Kovaljov wird vom Babier Ivan Jakovlevic rasiert, der am nächsten Tag eine Nase in seinem Brot findet, während Kovaljov ohne Nase aufwacht. Er findet seine Nase, aber diese ist nun eine Person und will nicht in sein Gesicht zurückkehren, sondern als Politiker Stadtrat werden. Er sucht weiter, sucht den Polizeipräsidenten auf, gibt in seiner Verzweiflung eine Annonce auf, die aber zurückgewiesen wird. Gleichzeitig gerät die Nase in einen Tumult, schrumpft wieder und wird zum Besitzer zurück gebracht. Zuerst will es nicht klappen, die Nase wieder im Gesicht zu verankern, auch Ärzte scheitern aber dann wacht er wieder mit der Nase im Gesicht auf.

Die Nase ist die erste erhaltene Oper des Komponisten, im Alter von 22 Jahren komponiert. Er hatte gerade das Konservatorium abgeschlossen und widmete sich diesem Stoff mit großem Engagement. Sie wurde in Leningrad uraufgeführt und schnell verboten. Mehr aus musikalischer Begründung. Die Repressalien Stalins spürte der Künstler erst später.

Ist diese Oper eine absurde Satire oder politisches Ausdrucksmittel. Diese Frage beschäftigt die Musik- und Aufführungsgeschichte. 1974 wurde sie wieder in Russland gespielt und taucht auch immer wieder in den Spielplänen internationaler Opernhäuser auf. Die deutsche Erstaufführung fand 1963 in Düsseldorf statt. Die Münchner Erstaufführung gab es 1971 im Gärtnerplatztheater. Nun kommt es zur ersten Produktion am Nationaltheater auf Wunsch des neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski in Zusammenarbeit mit der Novaya Oper in Moskau.

Regisseur ist der zwar in Moskau unter Hausarrest stehende aber vielbeschäftigte Theaterregisseur Kirill Serebrennikov. Die Probearbeit fand per Video oder vor Ort in Moskau statt.

Der Regisseur lässt die Oper im jetzt und Polizeiumfeld spielen. Kovaljov als auch Jakovlevic sind Polizisten. Der Winter in Leningrad ist grau und düster, das Bühnenbild ein grauer Hintergrund und von der linken Seite wird immer wieder ein Podest eingeschoben, das die Polizeistation mit Gefängniszelle widerspiegelt.Weisse Stoffetzen bilden Eisschollen auf der Newa, große weisse Gipsskulpturen Schneemassen der Stadt, die hin und her bewegt werden.  Eine Vielzahl von Mitwirkenden und Statisten bilden die unterschiedlichen Bilder nach, Fischer auf der gefrorenen Newa, immer wieder Schneeräumer mit Schneepflügen, Demonstrationen und Volksansammlungen. Auch ein Dämon, stark an unser Teufelbild mit Hörnern und überdimensionalem Schwanz erinnernd, erscheint. Wenig Buntes ist dabei. Die zwei Stunden verfliegen und die Konzentration des Zusehers muss der Reizüberflutung standhalten. Viele zündende Ideen und lautstarke Chorszenen halten wach, aber es gibt auch Längen in dieser Inszenierung, die in manchen Bildern das Konzept oder die Handlung vermissen lassen.

Das hat Vladimir Jurowski für die musikalische Deutung am Pult. Unbeirrt und ruhig führt er durch das stark Rhythmus geprägte Werk. Transparent kammermusikalisch wirkt es trotz der Klangmacht und großen Besetzung. Instrumentensoli wie das der Schlagzeuger übernehmen auch inhaltlich wirkungsvolle Erläuterungen. Die Musik strotzt von Kraft und Farbe, bleibt im Spannungsfeld der Dissonanz frisch und lebendig. Elemente der Folklore mit Balalaikas kommen zu hören wie des Jazz.

Der Chor ist von Stellario Fagone wieder bestens vorbereitet und bietet höchste Qualität und Sicherheit. Der Besetzungszettel ist umfangreich, viele Mitwirkende spielen in den einzelnen Bilder souverän. Genannt seien Boris Pinkhasovich als Kusmic Kovaljov, der mit Energie und Spielkunst seinen weichen Bariton einsetzt.Sergei Leiferkus als Ivan Jakovlevic wirkt kräftig und im Timbre russisch. Laura Aikin als Praskovja Osipovna bringt grell in Nuancen das Absurde der Geschichte heraus.

Das Publikum nimmt das Werk offen und begeistert mit langem Applaus auf. Ein gelungener Einstieg für den neuen Musikdirektor.

 

Dr. Helmut Pitsch

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