Der Freischütz Staatsoper München Ein Märchen verliert im Jetzt seine Seele und Wirkung

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Dmitri Tcherniakov ist bekannt für seine ausgeprägt psychodramatischen Analysen und Interpretationen der Charakter und Beziehungen der handelnden Personen. So fokussiert er sich auch in seiner Neuinszenierung von Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ an der Bayerischen Staatsoper nicht auf die romantische Märchenerzählung, sondern schält aus der Oper Fragen nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit heraus. Er verlegt die Handlung in die Jetztzeit und siedelt diese in einer oberflächlichen, gesättigten Wohlstandsgesellschaft in einem reichen Unternehmermilieu an. Agathe hat sich von ihrem einflussreichen Vater Kuno losgesagt und möchte Max heiraten. Um in die hohe Gesellschaft aufgenommen zu werden, muss Max eine perfide Aufgabe bestehen. Wenig erinnert an das verzauberte Märchenmotiv, verbleibende Anleihen an das Jagdmilieu wirken verfremdend, unehrlich und lächerlich.

Das Bühnenbild, ebenfalls vom Regisseur gestaltet, eröffnet den Blick in einen modernen Büroraum. Die drehbaren holzgetäfelten Wandpanele eröffnen ab und an die Aussicht auf eine Großstadt. In entsprechender Beleuchtung dient der Raum dem gesamten Abend als Kulisse.  Darüber zeigen Videoinstallationen ergänzende Bilder und auch textliche Erläuterungen. So erfährt der Zuschauer zu Beginn die Rolleninterpretationen. Die Ansicht durch ein Zielfernrohr soll den Blick des Betrachters schärfen und die auseinander triftende Handlung zentrieren. Wald und Mystik, Romantik und Anstand finden hier keinen Platz. Das Märchen verläuft sich, die Handlung zerläuft und findet an diesem Abend keinen Boden.  

In dem großen Raum versammelt der Unternehmer Kuno eine bunte Gesellschaft, die sich hinter Stehtischen in eleganter Robe zwängt.  Aus dem Fenster wird aus Langeweile mutwillig auf die Straße der Großstadt geschossen. Der Bassist Balint Szabo hat es übernommen, die arrogante und überhebliche, vermeintlich witzige Rolleninterpretation des machtgeilen Kapitalisten Kuno zu übernehmen. Kräftig führt er die Melodie und weiß Nuancen in seiner Stimmfarbe zu setzen, seine Dialoge sind aber unverständlich und lassen Deutschkenntnisse vermissen. 

Schnell wird erkennbar, dass sich der Regisseur auf die Charaktere und das Psychodrama zwischen Max und Kaspar konzentriert. Max, die verklemmte ehrliche Haut passt hier nicht hinein, er wird dem Gespött und der Lächerlichkeit preisgegeben. Der Tenor Pavel Černoch wirkt schwerfällig, seine Stimme kommt in seinen Arien nicht zum Schwingen. In der Darstellung folgt er der Interpretation des Regisseur gekonnt. Spannung erzeugt die starke Gegensätzlichkeit Kaspars. Hier gelingt Kyle Ketelsen überzeugend die Boshaftigkeit und Gewaltbereitschaft umzusetzen. Kurzhaarschnitt mit Irokesenansatz, Springerstiefel und Camouflage Kostüm untermauern äußerlich das Bild. Leerer und kalter Augenausdruck öffnen den Blick in sein zielgerichtetes böses Spiel als Handlanger des Teufels. Den braucht es in dieser Inszenierung nicht auf der Bühne, dieser wird in den schizophrenen Charakter Kaspars als zweites Ich integriert.

Wieso Kaspar Max in Plastik wie eine Leiche eingewickelt in die Wolfsschlucht schleppt bleibt der Phantasie Tcherniakovs überlassen. Diese missratene Szene rettet nur der grossartige Einsatz der Darsteller.

Ein weiteres gegensätzliches Paar bilden Agathe und Ännchen. Agathe wird als sanfte konservative Weiblichkeit gezeichnet gegenüber dem coolen modern emanzipierten Ännchen mit männlichen Kurzhaarschnitt. Golda Schultz als Agathe legt viel Pathos und Reife, auch am Text vorbei in der Interpretation der wohlerzogenen Tochter des Oberförsters Kuno, hier der erfolgsverwöhnte Unternehmer. Wohlgeformt sind ihre Töne, fein intoniert und auch im Dialog ist die Südafrikanerin gut verständlich. Anna Prohaska als Ännchen führt routiniert die Stimme und meistert die anspruchsvollen Läufe und Triller. Ihr Sopran ist passend dunkel gefärbt und fliesst geschmeidig durch alle Lagen. Boris Pyrgl weiß der Rolle des Ottokar Ausdruck und Würde zu verleihen, auch wenn die Zeichnung des Regisseurs dem nicht so ist. Viel Gewicht und Autorität versprüht Tareq Nazim als Eremit und verleiht dem Abend am Ende großes Operngefühl.  

„Es steckt alles in der Partitur. Man darf nicht Zuviel hinein interpretieren“ meint Antonello Manacorda, Dirigent dieser Neuinszenierung in einem Interview. Dies steht im Gegensatz zur szenischen Deutung aber seine musikalische Interpretation gelingt deutlich besser. Carl Maria von Webers bekanntestes Werk steht für die deutsche romantische Oper, welche viele Komponisten ua auch Richard Wagner beeinflusste. Manacorda greift sie packend an, läßt die Musiker mit viel Esprit und Disziplin spielen und achtet auf die Ausgewogenheit mit den Stimmen. Die schwungvollen volkstümlichen und tänzerischen Melodien blühen auf und reißen mit auch wenn sie zur Handlung auf der Bühne unpassend wirken. Pausen setzt er als Spannungselement ein, der Zweikampf Gut und Böse wird dramatisch im Orchestergraben ausgekostet.

Lautlos und leer ohne die mit Spannung bei Premieren erwartete Publikumsreaktion endet die Übertragung aus dem leeren Nationaltheater.

 

Dr. Helmut Pitsch

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