Deftiges Bauerntheater mit Schwung und Geist - die verkaufte Braut in München

Xl_img_1395 Bedrich Smetanas Leben ist ein Zeitzeugnis des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkeimen des Nationalismus und der Revolution des Bürgertums 1848. Geboren 1828, getauft als Friedrich wuchs Smetana in einem bürgerlichen Haus in Prag in deutscher Sprache in der österreichischen Monarchie auf, nahm aber das Gedankengut der Revolution und des wachsenden Nationalismus auf. Er lernte die tschechische Sprache und widmete sich der böhmisch tschechischen Kultur und dem Leben seiner Heimat. Seine spätere Taubheit führte zu einer Isolation, die sich im Ausdruck seiner Spätwerke zeigt. So ist auch seine Oper Die verkaufte Btaut Ausdruck seiner Auseinandersetzung mit dem böhmischen Brauchtum auf dem Lande, der Stellung der Ehe und Familie im dörflichen Leben. Aus einem Streit mit Frantisek Rieger, einem mächtigen Mann der Politik und Kultur, heraus über die Schwierigkeiten eine leichte böhmische Oper über das Landleben zu komponieren, war die Idee für diese erste Oper in tschechischer .Sprache geboren. Das Libretto stammt von Karel Sabina. In München wird aber die spätere deutsche Fassung von Max Kalbeck gespielt. Die Qualität und harmonische Einfügung des Textes in die Musik beschreibt Tomas Hanus, der musikalische Leiter der Neuinszenierung, als glückliche Fügung und sieht dies vorteilhafter gegenüber der spröden Originalfassung. Alles andere als spröde sondern bodenständig, deftig und sehr unterhaltsam gelingt die Neuinszenierung dieser oft unterschätzten Oper am Nationaltheater in München. David Bösch wandelt gern an der Grenze zum Klamauk und füllt seine Abende mit vielen Details und einer ausgeprägten Zeichnung der Charaktere. Die Bühnenbilder hier von Patrick Bannwart bleiben meist dunkel und farblos. Hier tuts ein überdimensionaler Misthaufen, auf dem die Landbevölkerung und die handelnden Personen fleisig auf und absteigen, zum Teil hilft ein Förderband mit. Ein echter E - Traktor mit Tesla Emblem und ein echtes Schwein als Begleiter des dümmlichen Wenzel ist auch dabei. Alles ist sehr lebendig und mit viel Action gestaltet, viele Schmunzler und Lacher hervorrufend. Seinen Höhepunkt erreicht die Regie im dritten Akt beim Auftritt des Zirkus. Ein Trabi mit Leuchtreklame und Käfig am Dach saust das Förderband hoch. Die schöne Tänzerin Esmeralda überschreitet hoch oben am Seil die Bühne und springt engelsgleich ein paar Figuren. Aber es driftet niemals ab, dies dank der ausgezeichneten musikalischen Leistung des Orchesters unter Tomas Hanus, der die Partitur zum Vibrieren bringt. Dazu nutzt er gerne Fortissimi, aber die romantisch gross angelegten harmonischen Unterfütterungen der Sänger fehlen nicht. Bedrick Smetana verarbeitet viele folkloristische und tänzerische Musikelement, die mit Schwung und Rhythmus vom Graben auf die Bühne gebracht werden. Die schauspielerischen Anforderungen an die Sänger sind gross, dies zum Nachteil für exakte und konzentrierte gesangliche Leistungen, nachvollziehbar, wenn auf Förderbändern oder auf dem Fahrrad gesungen wird. Raumfüllend agiert Günther Groissböck als omnipräsenter, hektischer Unternehmer, der das ganze Dorf in Atem hält. Ständig auf einen Deal hoffend hüpft er hektisch auf der Bühne herum, im weissen Anzug mit offenem roten Hemd ist er nicht zu übersehen, das Handy immer im Anschlag. Respekt für diese überzeugende Leistung, aber sein so klarer und sicherer Bass zeigt Ungereimtheiten, tiefe Lage versinken im Dunkeln und auch in höheren Registern schleicht er sich über die Spitzentöne. Selene Zanetti ist für die auf Grund einer Schwangerschaft verhinderten Christiane Karg in der Titelpartie eingesprungen. Zahlreiche Preise zieren die Karriere der jungen Italienerin bisher, seit kurzem zählt sie zum Ensemble der bayerischen Staatsoper. Ihr Sopran besticht in einer dunklen Färbung und einer klaren frischen Höhe. Leicht klettert sie ohne Brüche über die verschiedenen Lagen. Ihre grosse Arie im dritten Akt "endlich allein" berührt in der beseelten Interpretation. Pavol Breslik ist ein Belcanto Tenor, der mit seiner Erscheinung und seinem Gesang punktet, überzeugen kann er in dieser schnell ablaufenden Inszenierung nicht. Das gelingt charmant unaufdringlich Wolfgang Ablinger Sperrhacke als Wenzel. Geistig zurückgeblieben, naiv vertrauend gestaltet er diesen stotternden Trottel erfrischend echt und weckt Hilfsgefühle. Seine Tenorstimme ist reich an Farben und lässt sich gut an die Charakterrollen anpassen. Die beiden Elternpaare, die eine Verheiratung ihrer Kinder beabsichtigen sind durchwegs gut besetzt. Mit dem bestens einstudierten Chor rundet sich das musikalische Gesamtbild ab. Viel Begeisterung und gute Stimmung im Publikum. Dr. Helmut Pitsch Copyright Wilfried Hösl | Drucken

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